#40 Wer ist Kafka?

Ich mache es mir gerade mit Kaffee und einem Buch, auf unserem kleinen Balkon gemütlich, als jemand an der Türe klingelt. Ich gehe zurück in die Wohnung, aktiviere die Entriegelung des Hauseingangs und öffne die Wohnungstüre einen Spalt. Kurz darauf sehe ich, dass es Diego ist, der die Treppe hoch getrampelt kommt.

Früher war ich mit Diego im Fussballverein. Von da kennen wir uns. Ich würde nicht behaupten, dass er ein guter Freund ist, wir kennen uns einfach schon lange. Man trifft sich immer mal wieder im Ausgang und so.

Ich öffne die Türe nun ganz. „Hey Ben.“ ruft er mir entgegen und kommt auf mich zu. „Yo, Alter. Was gibts?“ sag ich und strecke ihm eine Faust entgegen. Er bleibt vor mir stehen und schlägt ein. „Hast du kurz Zeit?“ „Klar. Komm rein.“ Ich gehe aus dem Türrahmen in die Wohnung und bleib im Flur stehen. „Bist du alleine?“ fragt er mich. Ich nicke. „Warum?“ „Weil ich mit dir unter Vier Augen was bequatschen will.“ sagt er und sieht mich mit ernster Mine an. „Ok.. jetzt bin ich neugierig … magst du ne Coke?“ Er nickt. „Geh schon mal auf den Balkon. Ich wollte nämlich gerade Einen rauchen.“ Diego geht in Richtung Balkon. Ich verschwinde kurz in der Küche, hole eine Dose aus dem Kühlschrank und geh ihm nach.

„Hier.“ Ich stelle ihm die Coke hin und setzte mich neben ihm an den kleinen Tisch. „Danke … wer ist Kafka?“ fragt er mich und zeigt auf das Buch auf dem Tisch. „Na, offensichtlich ein Schriftsteller.“ sag ich und grinse. „Ein gutes Buch?“ „Keine Ahnung. Habs noch nicht gelesen. Du hältst mich gerade davon ab … Larissa hat mir das geschenkt.“ Er starrt das Buch an. „Diego, was ist los mit dir? Du wolltest doch über was reden, nicht?“ Er nickt. „Ja … ich hab da was.“ Er öffnet seinen Rucksack. „Würdest du mir bei etwas helfen?“ „Denke schon.. bei was denn?“ in diesem Moment zieht er eine Pistole aus seinem Rucksack und legt sie auf den Tisch. Ich sehe das Teil und keife ihn an. „Alter, bist du irre?! … pack sofort das scheiss Ding wieder weg!“ Er sieht mich etwas verdutzt an, nimmt aber die Pistole und steckt sie wieder zurück in seinen Rucksack. „Chill mal Alter. Kein Grund auszuticken.“ Ich reisse mich zusammen um ihn nicht noch einmal anzubrüllen „Du bringst einfach so ne verdammte Schusswaffe in meine Wohnung. Ich finde, dass ist ein guter Grund um auszuticken.“ „Schon gut. Sie ist ja schon weg.“ versucht er mich zu beruhigen. „Sie ist nicht weg. Sie ist bloss in deinem Rucksack, du Holzkopf … warum hast du überhaupt ne Knarre? Und wo zum Geier hast du die her?“ will ich von ihm wissen. „Unwichtig wo ich die her hab. Aber sie hat was damit zu tun, über das ich mit dir reden wollte.“ Ich starre auf die Kaffeetasse vor mir, schüttle den Kopf und versuche gerade darauf klarzukommen, was hier passiert.

„Ben?“ Diego stupst mich an. „Geht es dir gut?“ Ich löse meinen Blick von der Tasse und schaue zu ihm. „Hör zu, wenn du die loswerden willst, wir können sie meinem Onkel bringen. Der regelt das schon irgendwie.“ Er sieht mich verdutzt an. „Loswerden? Ich will die doch nicht loswerden. Ich brauch die noch … und ich hätte gerne jemanden, der mir hilft und Schmiere steht … ich dachte … du hilfst mir vielleicht.“ „Schmiere stehen? Was laberst du da? Das ist doch.“ Diego fällt mir ins Wort. „ Hör zu. Das wird ne total einfache Sache. Ich kenne da eine Tankstelle etwas ausserhalb und.“ Ich unterbreche ihn. „Alter, du erklärst mir nicht wirklich gerade, dass du eine Tankstelle überfallen willst, oder?“ Ich steh auf und tigere auf dem Balkon hin und her. „Wer hat dir denn ins Gehirn geschissen?! … Bist du jetzt komplett durch? … vergiss es! Bei so einer Scheisse mache ich nicht mit. Niemals! Und du solltest das auch besser wieder vergessen.“ Diego sieht mich fragend an. „Aber du hast doch auch schon gesagt, dass wir eine Bank ausrauben sollten, um an viel Kohle zu kommen.“ Ich bleib stehen und schau ihn an. „Echt jetzt? Das ist doch nur Gelaber. Das war doch nie ernst gemeint, du Trottel.“ Ich seh ihm an, dass er nachdenkt. „Ok.. aber.. Was ist denn schon dabei? Die ist ausserhalb und wir warten ab, dass keiner mehr drin ist. Es kommt doch keiner wirklich zu schaden.. Tu jetzt nicht so, als wärst du ein Unschuldslamm, Ben. “ Ich atme ein Mal tief durch, um mich etwas zu beruhigen. „Rede nicht von wir. Ich will damit absolut nichts zu tun haben, ja. Und was soll das mit keiner kommt zu Schaden? Auch wenn keine Kunden da drin sind, ist da mindestens noch jemand an der Kasse, nicht? Was denkst du wie es ihm oder ihr geht, wenn du da mit einer Knarre vor ihnen rumfuchtelst? Mal daran gedacht? … und wenn nichts dabei ist, wozu ist dann überhaupt eine Pistole nötig, huh? … was du da vor hast ist einfach nur bescheuert, ja. Egal, ob du es dir schön redest … und ja, meine Weste ist nicht weiss. Aber so eine Scheisse liegt weit davon entfernt, dass ich das mit meinem Gewissen vereinbaren könnte“ Leicht angepisst steht er auf und hängt sich seinen Rucksack um. „Ach, fick dich Ben! … ich dachte echt, mit dir könnte ich das durchziehen. Hab mich offensichtlich getäuscht. Wusste nicht, dass du so ein Schisser bist.“ „Ich denke, du verwechselt da Schisser mit kein Vollidiot sein … hör zu, wenn du dringend Geld brauchst, wir können da sicher was regeln für dich, ja.“ Er sieht mich an, zeigt mir einen Mittelfinger und verschwindet in die Wohnung. Ich ruf ihm nach. „Lass es einfach Diego!“ „Fick dich Ben. Fick dich!“ Ich höre, wie er die Wohnungstüre hinter sich zuschlägt.