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Von der Neandertaler in mir

Rauchen, Saufen, Ficken, Drogen nehmen und ab und an Rumgammeln.
Nicht gesund, aber verdammt unterhaltsam.
Der Neandertaler in mir.

Ich starre eine Wand an.
Das hat etwas beruhigendes.
Stillleben.
Stilllegen.
Das hat etwas beruhigendes.

Atemtherapie.
Bald raucht keiner mehr.
Es werden ätherische Öle verdampft.
Esotherik als Genussmittel?

Ich mag Esotherik nicht.
Esotherik ist behaupten, es hat noch Bier im Kühlschrank, nachschauen und sehen, dass da kein Bier drin ist und es trotzdem mit voller Überzeugung weiterhin behaupten.

Aber man trinkt sowieso kein Bier mehr.
Es werden Fruchtwässerchen und Smoothies kredenzt.
Nicht nur, dass viele Probleme haben dieses Wort richtig auszusprechen.
Wir sind zu faul eine Frucht zu essen und ein Glas Wasser oder Milch zu trinken.

„Das schmeckt halt, weisch.
Das ist eine Ergänzung zu meinem neuen, bewussten, gesunden Lifestyle, weisch.“
Nein, weiss ich nicht.

Veganer Monotheismus.
Bio-ökologischer Gesundheitswahn.
Wir zelebrieren die Gesundheit.
Ein Hoch auf die Fitness.
Religion 2.0.

Früher sind wir auf Skateboards, Treppen runtergesprungen.
Heute hat jeder einen Fahrradhelm.

„Wer jeden Tag, eine Stunde joggt, lebst Zwei Jahre länger!“
..er ist aber auch Vier Jahre gerannt.

Ich blicke mit Besorgnis in die Zukunft.
Ich möchte doch, dass es meine Eltern einmal besser haben als ich.

Und weil ich meine Gedanken ungern einfach so im Raum stehen lassen will, hier noch eine kleine Moral mit auf den Weg.

Cristiano Ronaldos Lachen macht mir Angst.
Und erinnert ihr euch noch an die Indianer?
Das waren eigentlich die Guten.

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Im Wald mit Bernd

Die dumpfe, lieblose Stimme durchbricht die idyllische Stille im Wald:
„Was macht es denn?“

Erschrocken seh ich mich um.
Nicht erschreckt wegen der falschen Verwendung von Personalpronomen …

Ja, ich bin eine grammatikalische Pfeife, aber mit Personalpronomen kenne ich mich aus.
Ich kenne sie alle!
Ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie.
Da macht mir keiner was vor!

… sondern weil der mich so ohne Vorankündigung von der Seite anquatscht.
Aber da ist weit und breit keiner.
Ob das eine späte Nebenwirkung des Psilocybin ist?
Dass sich das nach 10 Jahren erst bemerkbar macht?
Hätte ich wohl besser die Finger von diesen Pilzen gelassen, denke ich mir.

Mein Gedankengang wird erneut von dieser Stimme unterbrochen.
„Was hat es da in der Hand?“
„Wer ist denn da?“ rufe ich in den Wald.

Nichts.
Stille.

„Bernd.“
Meint die stumpfe Stimme.
„Bernd? Ich kenne keinen Bernd.“
Ich überlege kurz, ob ich wirklich keinen Bernd kenne.
Obwohl, wenn man im Wald angequatscht wird, bedeutet das ja auch nicht zwangsläufig, dass es auch jemand sein muss, den man kennt.
„Komm raus und zeig dich!“ ruf ich in die Richtung aus der die Stimme kam.

Nichts.
Stille.

„Das geht nicht.“
„Warum geht das nicht?“
„Ich kann mich nicht bewegen.“ ich meine einen leicht weinerlichen Unterton darin zu hören.
„Was heisst das, dass du dich nicht bewegen kannst? Hast du dich verletzt? Soll ich Hilfe rufen?“
Ich male mir aus, was hätte passiert sein können.
Ist er gestürzt und hat sich dabei ein Bein ausgerissen?
Wurde er von einem Bären angegriffen?
Hat der ihm ein Bein ausgerissen?
Oder wurde er von einem wilden Bienenschwarm durch den Wald gejagt?
Und können Bienen Beine ausreissen?
Eine einzelne wohl nicht, aber im Kollektiv?
„Nein ich brauch keine Hilfe. Mir geht’s eigentlich ganz gut soweit.“
„Kein ausgerissenes Bein?“
Erst nachdem das raus ist merke ich, dass meine Enttäuschung wohl nicht wirklich angebracht ist.
„Warum kommst du dann nicht vor und zeigst dich?“
„Ich steht doch schon vor dir.“
Jetzt reichts.
Ich gehe gerade aus um den Baum herum, um hinter diesen zu sehen.
Denn der Kerl steckt garantiert da hinten.
Ich hör doch wo die Stimme herkommt.
Dreimal renne ich um den Baum.
Da ist keiner.

„Bernd“, sag ich. „Ich stehe nicht auf dieses Versteckspiel. Ich gehe jetzt. Schönes Leben noch.“
„Warum geht es denn? Ich wollte doch nur ein bisschen reden. Hier kommt man so selten zum Reden.“

Ich überlege kurz.
Zeit hätte ich ja.
Ausser Pokémon suchen tu ich ja gerade nichts.
„Na schön. Lass uns bisschen quatschen. Aber nur unter einer Bedingung. Zeig dich!“

Nichts.
Stille.

„Aber es sieht mich doch. Ich bin das Baum an das es sich anlehnt. ..und kann es das lassen? Das ist mir zu intim.“

„Du bist ein Baum?“
„Ja. Eine Birke.“
„Und du heisst Bernd?“
„Ja.“

„Das muss einfach von den Pilzen kommen.“
„Welche Pilze? Ich habe keine Pilze.“
Ich erspare es mir, meiner Halluzination zu erörtern, dass sie eine Halluzination ist und nutze die Gelegenheit einfach um mich mit einem Baum zu unterhalten.
„Und was machst du hier so?“
„Och.. ich steh hier nur rum, zieh mir CO2 rein und sonne mich n bisschen.“
„Ok. Cool.“
Das spannende Leben eines Baumes.
„Und was macht es hier? Und was hat es da in der Hand?“
„Das heisst eigentlich du.“ belehre ich ihn wie mein ehemaliger Deutschlehrer das gerne mit mir tat.
„Du?“
„Ja, du.“
„Gut. Was macht es hier und was hat es du in der Hand?“
„Nein doch nicht so!“
„So habe ich doch gar nicht gesagt.“
„Ich meinte ja auch nicht so als Wort. ..ach vergiss es einfach.“
Und wieder fühle ich mich wie mein ehemaliger Deutschlehrer.
„Und was hat es jetzt du in der Hand?“ will Bernd weiterhin wissen.
Bernd ist übrigens ein komischer Name für einen Baum.
„Was hat es gegen Bernd?“
„Kannst du jetzt auch schon Gedanken lesen?!“
„Sieht so aus.“
„Weisst du was, das wird mir hier langsam zu dumm. Ich wollte doch nur im Wald ein paar Pokémon fangen. Und jetzt stehe ich hier und unterhalte mich mit einer Eiche.“
„Birke.“
„Na dann unterhalte ich mich eben mit einer Birke. Bernd, die Birke.“
„Was ist Poggemohn?“
„Das sind kleine Monster. Die sind hier überall irgendwo verteilt zum einfangen.“
„Kleine Monster? ..du meinst Ameisen?“
„Nein.“
„Wespen?“
„Nein.“
„Borkenkäfer?“
„Nein. Pokémon sind keine echten Tiere.“
„Hier gibt’s unechte Tiere?“
„Ja, Nein, nicht in Wirklichkeit unechte Tiere.“
„Es sammelt in Unwirklichkeit unechte Tiere?“
„Ja, so kann man das auch nennen.“

Bernd beginnt zu lachen.

„Warum lachst du denn jetzt? Weil ich dieses Spiel spiele? Das ist nur ein Spiel. ..dass ich mich mit einem Baum unterhalte finde ich ehrlich gesagt um einiges lächerlicher.“
„Warum? Mit einem Baum zu reden ist doch normal.“

„Das ist ein Puff“

„So.“ sage ich zu meinem 8 jährigen Sohn.
„So.“
Er schaut schief von unten hoch.
„So. Das ist ein Puff.“ beginne ich ihm die Gegebenheiten zu erklären.

Einige fragen sich jetzt vielleicht, was zu Hölle ich mit einem 8 jährigen im Puff mache?
Eine Frage die sich der Typ, der gerade auf uns zueilt, bestimmt auch stellt.
Das hat nichts mit Vernachlässigung der elterlichen Fürsorgepflicht zu tun.
Im Gegenteil.
Ich will ihm doch nur die Welt erklären.
„Kinder haben hier nichts verloren! Raus mit euch!“
Sein gestreckter, rechter Arm deutet in Richtung Türe.
Was für ein unfreundlicher Kotzbrocken.

Vor der Tür fragt mich der Kleine, „Papa, wenn die Frauen da drin die Wirtschaft und die Männer die Landesregierungen sein sollen, was ist dann der wütende Onkel?“
„Das, mein Junge“ erkläre ich, während ich mich zu ihm runter knie und meine Hand auf seine Schulter lege. „das ist die europäische Flüchtlingspolitik.“
„Und warum hat er uns rausgeschickt?“
Ich schaue ihm tief in die Augen.
„Du bist doch schon ein grosser Junge. Ein kleiner Mann.“
Der kleine nickt.
„Die wollen halt nicht, dass der kleine Mann alles mitbekommt, was sich hinter dieser Türe abspielt.“

Er steckt die Hände in die Hosentasche und tritt gegen einen auf der Strasse liegenden Kieselstein.
Während er ihm nachsieht meint er trotzig „Das ist gemein.“
„Gemein ist der ehrbare Prinz, der zur Errettung der Jungfrau in Nöten auf seinem weissen Gaul angeritten kommt.“

Der kleine blickt mich fragend an.
„Wärst du ein Mädchen, würdest du das verstehen.“
„Warum ist der Prinz gemein?“
„Weil es ihn und seinen Schimmel nicht gibt. Der Prinz ist eher ein Lagerist im Fiat Punto. Und das einzige was einem Schimmel nahe kommt, ist höchsten der den Polyester-Socken zu verdankende Fusspilz.“

Der Kleine sieht leicht verwirrt zu mir.
Ich nehme ihn in den Arm und drücke ihn.
„Es ist nicht immer einfach.“
„Mammuts sind auch ausgestorben.“ Nuschelt er in meine Schulter.
„Vieles kommt. Vieles geht. Nichts ist von Ewigkeit.“

Woran kann man sich noch orientieren?
Verloren in einer Welt voller Reizüberflutung durch die Unbeständigkeit.

Think positive

Es ist früh am Morgen, du willst kurz an der Tanke Zigaretten holen, obwohl du eigentlich zu spät dran bist.
Ein Gedränge an der Kasse, weil die anderen ihr Zeitmanagement offensichtlich genauso wenig im Griff haben wie du.
Und *flup* hast du die Frau vor dir in der Schlage angezündet.
..kennt man ja.

Immer wenn man es eilig hat passieren solche Dinge.
Ich habe getan, was jeder normale Mensch getan hätte.
Habe mich unwissend gestellt und auffällig meinen Blick schweifen lassen um den vermeintlichen Täter zu suchen.
Dieses Theater immer.
Eine Unruhe war das.
Ich hasse Theater.
Und Unruhe.
Die Leute riefen durcheinander.
Die Fackel-Frau vor mir wälzte sich zuckend am Boden umher.
„Think positive“ sagt Maria immer.
Denke positive – mach das Beste daraus.
Da ich nun definitiv zu spät erscheinen werde, machte ich mich auf die Suche nach Marshmallows.

Ich fand aber keine.
Mach das Beste daraus.
Auf Wurst hatte ich aber keine Lust.
Ich griff nach einem Maiskolben.
Dachte mir, Popcorn für alle.
Schliesslich sitzen wir im selben Boot.
Man kann durchaus auch mal etwas selbstloses für die Gemeinschaft tun.

Ich streckte den Kolben über die Frau.
Ein Mann packte meinen Arm und riss mich von der brennenden Frau weg.
Sie lag noch immer am Boden und quiekte.
Undankbares Pack, dachte ich mir.
Ihr solltet mal auf Maria hören.

Die Tankstellenfachkraft kam aus einer Türe gerannt.
Sie hatte ein Zelt unter dem Arm.
Die hats kapiert, dachte ich.
Mach das Beste daraus – Camping am Lagerfeuer.

Sie warf die Zeltplache über die quietschende Frau am Boden.
Das war gar kein Zelt.
War eine Löschdecke.
Hatte ich die Tankstellenfachkraft wohl zu früh gelobt.
Das mit dem positiven Denken muss sie noch üben.

Kurz danach fuhr ein Rettungswagen zwischen die Zapfsäulen.
Diese Sirene machte einen Lärm. Unvorstellbar.
Ich hasse Lärm.

Die Sanitäter rannten rein, drängten den Pöbel zur Seite und knieten sich zu der Frau am Boden.
„Ich habe die Löschdecke geholt“, meinte die Tankstellenfachkraft.
Wie ein Hund, der einen Ball apportiert hatte, schien sie auf ein Leckerli zu warten.

Noch eine Sirene.
Der Notarzt kam in einem separaten PKW angerast.
Dieses asynchrone Blinken der Lichter von draussen, penetrierte meine Augen.
Ich hasse Blinklichter.

Mir wurde es zu bunt.
Ich warf den Maiskolben auf dem Boden und ging zum Ausgang.
Ich habe wenigstens probiert, das Beste daraus zu machen.
Think positive – klappt halt nicht immer.

Beim Rausgehen sah ich die Marshmallows im Regal.
Hätte ich die mal früher entdeckt.