#8 „Ich habe doch alte Freunde. Die sind noch gut. Brauch keine neuen.“

„Was wünschst du dir zum Geburtstag Ben?“ Will Frau Nater von mir wissen. Wir sitzen gerade beim Abendessen. Es gibt Nudeln mit Tomatensauce und Rosenkohl. Ich mag Rosenkohl nicht. Aber ich muss ihn essen. Ich darf erst vom Tisch weg, wenn mein Teller leer ist. Habs getestet. Ich hocke dann manchmal alleine noch lange am Tisch, weil ich nicht aufgegessen habe. Am Abend werde ich dann zwar schon irgendwann ins Bett geschickt, aber rate mal, was ich am nächsten Tag wieder aufgetischt bekomme.

Ich hab da jetzt aber so eine Technik. Blind essen nenn ich das. Ich mache meine Augen zu, halt die Luft an und würge es ohne gross zu kauen einfach runter. Dann schmeckt zum Beispiel Rosenkohl nicht mehr ganz so eklig.

„Ben? Hörst du mir zu? Bist du wieder am Tagträumen?“ Sie stupst mich ziemlich doll. „Hä? Was ist?“ ich erschrecke oft, wenn mich jemand aus meinen Gedanken holt. Das ist unangenehm. „Das heisst nicht hä sondern wie bitte?“ sagt Frau Nater mit erhobenem Zeigefinger. „Entschuldigung. Wie bitte?“

„Was du dir denn zum Geburtstag wünschst, wollte ich wissen. Möchtest du eine Geburtstagsparty?“

Ich weiss nicht so wirklich, was eine Geburtstagsparty ist. War noch nie auf einer. Geburtstag ist für mich ein bisschen Kuchen und manchmal ein Geschenk bekommen. Mehr nicht. „Ich weiss nicht was eine Geburtstagsparty genau ist… und … was kann ich mir den wünschen?“

„Auf eine Geburtstagsparty lädt man seine Freunde ein, dann gibts Kuchen für alle, man macht Spiele und hat Spass zusammen.“ Sie lächelt mich an. „Und wünschen darfst du dir was immer du möchtest.“

„Meine Freunde? Dann können Jasa und Edona mich besuchen?“ Meine Freude wird gleich wieder gedämpft. „Das geht wohl nicht Ben. Ich dachte eher an Freunde aus deiner Klasse.“

„Dann kann ich Pedro einladen?“

„Pedro? Das ist doch dieser Portugiesenjunge oder?“ Sie schüttelt leicht den Kopf. „Lieber nicht… ich dachte, du könntest zum Beispiel Kai, Matthias und Sandro einladen. Und vielleicht noch Celine?“ „Nein. Die mag ich alle nicht. Die sind doof … dann will ich keine Party.“ Kurz dachte ich, eine Geburtstagsparty wäre was Schönes. Jetzt würge ich aber lieber den Rosenkohl in mich rein. „Ich verstehe. Aber möchtest du denn keine neuen Freunde?“ Sie schaut mich fragend an.

„Ich habe doch alte Freunde. Die sind noch gut. Brauch keine neuen.“ sag ich schnippisch. „Ben … du solltest langsam einen Neuanfang starten. Es ist nicht gut für dich, wenn du dich hier so abkapselst. Ich weiss ja, dass das schwierig ist. Aber du musst dir Mühe geben um Anschluss zu finden.“

„Warum muss ich immer neu anfangen?! Warum muss ich mich mit Kindern anfreunden, die ich nicht mag? Und was ist mit Pedro? Warum darf ich mir meine Freunde nicht selber aussuchen?!“ Wütend schmettere ich meine Gabel auf den Teller. „Pedro ist einfach kein guter Umgang für dich.“ „Pedro ist ein sehr guter Umgang für mich!“ schrei ich sie an, packe mein Geschirr und trage es in die Küche zur Spüle.

„Hier wird nicht rumgeschrien junger Mann!“ werde ich mit scharfem Ton ermahnt.

„Ich schrei so oft rum wie ich will! … ich gehe jetzt ins Bett! Das darf ich ja wohl. Denn ich habe den SCHEISS ROSENKOHL AUFGEGESSEN!“ Ich gehe in Richtung Treppe. Ich will in mein Zimmer. „Ben, warte! Du solltest nicht wütend ins Bett. Lass uns reden.“

„Wegen dir bin ich ja wütend! Ich rede nicht mehr mit dir! Ich hasse dich!“ schreie ich, renne die Treppe hoch in mein Zimmer und verschliesse die Türe hinter mir.

„Wünsch dir was immer du möchtest…“ murmle ich vor mich hin. „Was immer du möchtest…“ Keiner will, dass ich möchte was ich möchte. Neuanfang. Immer wieder Neuanfang. Erst im Heim und jetzt hier im Würfelhaus. Warum muss eigentlich ich immer neu anfangen? Warum fangen die nicht mal neu an? Und was ist falsch an meinen Freunden? Aus meiner Wut heraus, trete ich meinen Ball durchs Zimmer.

Es klopft an der Türe. Die Falle geht nach unten. Ins Leere. Weil ich mich eingeschlossen hab. Frau Nater steht davor. „Ben? Bitte mach die Türe auf.“ Ihre Stimme klingt gerade ganz lieb. „Nein mache ich nicht. Lass mich in Ruhe!“ „Bitte Ben. Mach die Türe auf und lass uns reden. Wir finden eine Lösung. Ok?“ „Lass mich! Ich will nicht mit dir reden! Du bist eine gemeine Hexe! Geh weg!“

Ich weiss nicht, ob sie noch vor der Türe steht. Es ist ruhig.

Wie komme ich hier nur weg? Ich könnte vielleicht zu Pedro. Aber seine Eltern würden mich bestimmt bei Herr und Frau Nater verpfeifen. Aber ich muss hier weg. Ich halte es nicht mehr aus.

Ich steige auf meinen Pult, strecke mich am Schrank hoch und hol meinen Rucksack runter.

Aus dem Schrank nehme ich ein paar Kleider und fang an zu packen. Meine Kassetten, meine Zwille und meinen Plüschpinguin packe ich als letztes ein. Den Walkman zieh ich unter dem Kopfkissen vor, klemme ihn an meinem Hosenbund fest und lege mir die Kopfhörer um den Hals.

Ich schliesse meine Zimmertüre auf und öffne sie einen Spalt. Die Luft ist rein. Unten höre ich den Fernseher im Wohnzimmer. Wenn ich leise bin, kann ich da durchschleichen.

Langsam gehe ich die Treppe runter. Ich husche an der offenen Türe zum Wohnzimmer durch. „Ben?“ ruft Frau Nater aus den Zimmer.

Verdammt!

„Ich … ich hole mir nur etwas zu Trinken.“ „Hast du dich wieder beruhigt?“ „Ja… beruhigt.“ „Gut. Möchtest du noch ein bisschen Fernsehen mit mir?“ „Äh… klar. Komme gleich.“

Ich schleiche zur Garderobe, zieh mir meine Schuhe und meine Jacke an. Vorsichtig öffne ich die Haustüre und geh raus. So geräuschlos wie möglich mache ich sie wieder zu. Das wäre geschafft. Nichts wie weg!

Ich spaziere mit meinem Rucksack umgeschnallt und meinem Ball in den Armen ins Dorfzentrum. Denn da fährt diese komische Bahn.

Ich warte noch nicht lange, da kommt sie auch schon an. Ich steige ein.

Bei jeder Haltestelle schau ich nach draussen um zu sehen, ob ich irgendwas erkenne. Tu ich nicht.

„Endstation Frauenfeld.“ Das kenne ich. Hier war ich mal Einkaufen mit Herr Nater. Ich steige aus. Dass das hier ein Bahnhof mit richtigen Zügen ist, erkenne ich an den Tafeln mit den gelben Abfahrts- und den weissen Ankunftsplänen. Und da ist eine grosse Uhr. Es ist ein paar Minuten nach 7. Ich kenne die Uhr und kann Fahrpläne lesen, aber meine Lehrerin denkt, ich bin dumm..

In 15 Minuten fährt ein Zug nach Zürich! Ich freue mich auf Zuhause.

Das richtige Gleis gefunden, warte ich auf den Zug.

Zwischen anderen Menschen steige ich in den Zug ein und setze mich in einem Abteil ans Fenster. Der Zug fährt los. Viel mehr als vereinzelte Lichter erkenne ich aber nicht im Dunkeln. Ich setze mir meine Kopfhörer auf und höre die Drei Fragezeichen.

Kurz nach Winterthur geht die Türe zum Wagon auf und ein Kontrolleur kommt rein. „Alle Fahrkarten bitte!“

Stimmt. Da war ja noch was. Ich habe keine Fahrkarte. Als er sich seitlich dreht um die ersten zu kontrollieren, schleiche ich mich davon und schliess mich ein paar Wagons weiter, auf einer Toilette ein. Es stinkt bestialisch. Aber ich bleibe hier drin und harre aus, bis wir in Zürich sind.

Nach einer gefühlten Ewigkeit in dieser Kloake, ertönt endlich die Erlösung. „Nächster halt, Zürich Hauptbahnhof.“

Ich warte bis der Zug zum stehen kommt, verlasse die Toilette wieder und steige mit anderen Reisenden aus. Da stehe ich jetzt auf dem Gleis und schaue zur Bahnhofshalle. Ich spüre, wie sich eine Anspannung in mir anfängt zu lösen.

Ich spaziere durch die Stadt zu dem roten Haus, in dem mein Onkel Jan wohnt. Es ist dunkel und überall sind Lichter. Von den Strassenlaternen, den Autos, von einigen Fenstern und Leuchtreklamen. Ich mag all diese Lichter. Wenn sie weiter weg sind, sehen sie aus wie Sterne. Da wo ich vorher war, gab es nicht so viele davon.

Endlich angekommen. Ich drücke die schwere Türe auf und geh rein.

«Kinder haben hier nichts verloren! Du darfst dich hier nicht aufhalten. Wo sind deine Eltern?» Meint ein grosser, bulliger Kerl zu mir, während er mich in zurück zur Eingangstüre begleitet. «Aber ich suche meinen Onkel Jan … ich bin Ben … ist er nicht hier?» Der Mann bleibt stehen und mustert mich gründlich. «Dein Onkel sagst du?» fragt er. Ich nicke. Er mustert mich weiter. «Warte hier.» Er läuft davon und verschwindet hinter der Bar, hinter einer Türe. Ich warte eine gefühlte Ewigkeit.

«Ben! Mein Junge!» Onkel Jan und der Riese von vorhin kommen aus der Türe hinter der Bar hervor und auf mich zu. «Was machst du denn hier mein Grosser? Ich dachte, du bist bei einer Pflegefamilie untergekommen?» Er nimmt mich zur Begrüssung in die Arme. Ich muss weinen. «Was ist denn los Junge?» Will er von mir wissen. «Komm. Wir gehen hoch zu mir. Da kriegst du eine Milch und dann kannst du mir in aller Ruhe erzählen, warum du weinen musst.» Er nimmt mich an der Hand und geht mit mir durchs Treppenhaus nach oben in seine Wohnung.

Oben angekommen, lege ich meinen Ball und den Rucksack neben das Sofa und gehe Onkel Jan nach, in die Küche. «Komm.» sagt er, greift mich unter den Armen, hebt mich hoch und setzt mich auf die Küchenkombination. Er dreht sich zum Kühlschrank, holt die Milch raus und füllt mir eine Tasse auf damit. «Jetzt erzähl mal. Was ist los bei dir, dass du so spät und allein noch um die Häuser ziehst?» Er hält mir die Tasse hin. Ich nehme einen grossen Schluck. Diese Milch schmeckt nach der besten Milch, die ich seit langem hatte. «Ich… ich bin mit dem Zug gefahren.» Ich erzähle ihm alles. Von dem Würfelhaus, Frau Nater, Herr Nater, seinen Ohrfeigen, der Schule, der Lehrerin, Pedro, dass ich meine Freunde nicht sehen darf, einfach alles was mich dazu getrieben hat, von dort abzuhauen. Wieder laufen mir Tränen über die Wangen.

Onkel Jan hört mir aufmerksam zu. Nach meinem Vortrag atmet er tief durch und nimmt mich in den Arm. «Das klingt schrecklich Ben … jetzt bist du ja hier. Du schläfst heute erst mal bei mir auf dem Sofa. Und Morgen kümmern wir uns darum, diese Probleme zu lösen. Ok?» Ich nicke.

Ich habe mich gerade auf der Couch in eine Decke eingekuschelt und will meinen Walkman einschalten, da klingelt das Telefon. Mein Onkel geht ran. „Ja … am Apparat … ja, der ist bei mir … können wir das auf Morgen verschieben?“ Onkel Jan schaut zu mir rüber und fängt an etwas leiser zu sprechen. „Hören sie. Er ist gerade eingeschlafen. Als er hier ankam war er völlig aufgelöst … ach, können sie das? … wie sie meinen … wir melden uns morgen Mittag dort … weil ich verdammt nochmal ausschlafen werde. Schönen Abend noch.“ Er hängt den Hörer ein. „Wer war das Onkel Jan?“ „Ich dachte du schläfst? … das war die Polizei. Die haben dich gesucht.“ „Die Polizei hat mich gesucht? … weil ich weggelaufen bin?“ Darüber habe ich gar nicht nachgedacht. „Deine Pflegeeltern haben sich wohl Sorgen gemacht, als sie bemerkt haben, dass du verschwunden bist … hast ihnen bestimmt einen amtlichen Schrecken eingejagt.“ Er lacht. „Ich wollte niemandem einen Schrecken einjagen. Ich wollte einfach nur weg von dort. Das ist alles.“ Onkel Jan setzt sich neben mir auf die Kante des Sofas und fährt mir mit seiner Hand durch die Haare. „Mach dir da mal keine Gedanken. Du bist heil hier angekommen und das ist im Moment alles was zählt. Morgen sehen wir weiter. Schlaf jetzt erst mal.“ Er macht den Fernseher an und stellt ihn ganz leise. Ich zieh mir meine Kopfhörer über und drücke an meinem Walkman auf Play. Ungewohnt schnell schlafe ich ein.