Tagged Sammlung

#18 Einige Prellungen und Schürfungen. Das wird wieder

Mein Speichel schmeckt nach Metall, mein Kopf brummt, stechender Schmerz in meinen Rippen und mein Arme schmerzen höllisch. Ich liege seitlich auf dem Boden und versuche meinen Bauch mit meinen Beinen und den Kopf mit meinen Armen zu schützen. Kompakter kriege ich das Päckchen nicht hin. Und schon knallt der nächste Fuss gegen meine Unterarme. Edona schreit sich verzweifelt die Seele aus dem Körper. „Ben! Ben! Nein! Hört auf! Ihr bringt ihn noch um! Hört auf! Lasst ihn ihr Schweine!“ Ich höre den einen irgendwas rufen, aber nur dumpf. Alles wird immer leiser. Mir wird schlecht.

Langsam werde ich wach. Ich versuche gerade rauszufinden, ob ich eine Stelle an meinem Körper ausmachen kann, die nicht schmerzt. Ich öffne die Augen und schau mich erst mal um, ohne mich gross zu bewegen. Edona sitzt neben mir am Bett und lächelt mich an. „Endlich bist du wach!“ Sie beugt sich über mich und gibt mir einen Kuss auf die Wange. „Wie fühlst du dich?“ „Wie frisch ausgekotzt…“ Ich merke gerade, dass ich wohl in einem Krankenhaus bin. Igitt. Ich drehe mich auf den Rücken um mich aufzusetzen. Da sehe ich Jasa und Onkel Jan am Fussende des Bett stehen. Jasa grinst etwas zögernd und winkt mir zu. Mein Onkel lacht mich an und kommt näher zu mir. „Ben, ich bin so froh, dass du ok bist … was ist passiert? Wer hat dir das angetan?“ Ich denke kurz nach. „Ich bin mit Edona durchs Quartier geschlendert. Wir waren bei Nexhmedin und haben nen Döner gegessen … da sind plötzlich ein paar Jungs von du weisst schon wem aufgetaucht. Die haben was gelabert von wegen, dass ich da nichts verlören hätte, dass das jetzt ihre Ecke wäre und so … Die waren zu Dritt. Wir sind also rausgegangen aber sie kamen uns nach. Ziemlich weit. Wir wollten die Brauerstrasse runter und sie dort abhängen … da haben sie uns schon eingeholt und gingen auf uns los…“ „Einer dieser Ärsche hat mich festgehalten. Ich wollte Hilfe holen. Dann habe ich geschrien so laut ich konnte. Aber es kam einfach voll lange niemand … irgendwann kam dann die Polizei und ein Krankenwagen.. Aber die sind davongekommen.“ „Apropos Bullen. Da wartet einer draussen. Der hat gesagt, er muss deine Aussage aufnehmen, wenn du dann wach bist.“ meint Jasa. Ich schau zu meinem Onkel. Er nickt mir zu und lächelt. „Schon gut Ben. Rede mit ihm. Du weisst ja wie das läuft..“ er klopft mir auf die Schulter und zieht seine Hand sofort wieder weg als er bemerkt, dass mir das weh tut. „Entschuldige. Ich… wollte nicht…“ „Alles gut. Geht schon wieder.“ Onkel Jan geht zur Türe, öffnet sie und streckt seinen Kopf raus. „Er ist jetzt wach.“ Ein paar Sekunden später betritt ein Typ das Zimmer, der nicht zivi-bulliger hätte aussehen können. Baseballmütze, Sonnenbrille, blaues Polo-Shirt in die Jeans gestopft, Bauchtasche und weisse Sportschuhe. Er steckt seine Sonnenbrille in die Brusttasche und kommt zu mir ans Bett. „Hallo Ben. Ich darf dich doch duzen?“ Ich zucke mit den Schultern. „Mir egal.“ „Na gut…“ Er sieht die anderen im Zimmer an. „Darf ich sie bitten, das Zimmer zu verlassen? Ich würde gerne mit Ben alleine reden.“ Jasa dreht sich ab um zu gehen und Edona steht von der Bettkante auf. „Nein. Die bleiben schön hier. Ich bin nicht so gerne alleine mit einem Polizisten in einem Raum.“ Jasa dreht sich wieder zurück, Edona setzt sich wieder und legt ihre Hand auf meinen Oberschenkel. Onkel Jan grinst mich an. Der Polizist schaut mich etwas verdutzt an. „Na dann bleiben sie hier … Ich möchte mit dir über gestern Abend reden. Was genau ist da passiert?“ „Ich wurde verprügelt.“ „Und weiter?“ „Dann bin ich eben in einem Krankenhaus aufgewacht … In welchem eigentlich? Wo sind wir hier?“ „Triemli“ sagt Edona und fährt mir über den Rücken mit ihrer Hand. „Ok Ben. Dass du verletzt wurdest und deswegen ins Krankenhaus musstest, das wissen wir bereits.“ Er scheint etwas entnervt. „Aber wer war das? Was war der Grund? Kannst du mir dazu etwas sagen?“ Klar kann ich dir das sagen. Es waren Jungs von Costa. Es geht um Quartierkampf. Mach doch deine Hausaufgaben! „Keine Ahnung. Weiss nicht was die wollten … wohl einfach ein paar auf Krawall gebürstete Spassten…“ Er schaut mich misstrauisch an. „Irgendwelche Schläger? … da bist du dir sicher?“ „Äh nein.. kenne die ja nicht. Aber muss wohl.“ „Kannst du mir beschreiben, wie sie ausgesehen haben?“ „Nicht wirklich. Kamen von hinten.“ „Du hast nichts gesehen?“ „Ich war damit beschäftigt nicht drauf zu gehen…“ „Na gut… deine Freundin hat uns gesagt, sie waren zu dritt und hatten Kapuzen tief ins Gesicht gezogen und waren alle komplett schwarz gekleidet.“ Er sieht mich fragend an. „Ja kann sein. Wenn sie das sagt. Ich habe sie nicht gesehen.“ „Haben sie dir etwas gestohlen?“ „Weiss nicht. Wo sind denn meine Sachen?“ Jasa geht zum Tisch am Fenster, nimmt die weisse Plastiktüte und bringt sie zu mir ans Bett. „Hier sind sie.“ Ich kram meine Kleider aus dem Sack und überprüfe meine Taschen. Kippen, Feuerzeug, Kaugummis, ein Marker, bisschen Geld und mein kleiner Spielzeugpinguin. „Nein. Alles da.“ Der Polizist sieht sich fragend meinen Pinguin an, löst seinen Blick langsam von ihm und schaut mich wieder an. „Dein Glücksbringer?“ „Sowas in der Art.“ „Also ich fasse mal kurz zusammen. 3 Typen, schwarz gekleidet und nicht erkennbar. Kein Diebstahl als Grund des Überfalls. Du weisst nicht wer das war und du weisst nicht warum. Korrekt?“ „Korrekt.“ Er schaut alle im Zimmer, einen nach dem anderen an, zieht mit einer Hand seine Sonnenbrille aus der Brusttasche, mit der anderen eine Visitenkarte aus der Gesässtasche und streckt sie mir hin. „Für den Fall, dass dir doch noch etwas einfallen sollte. Melde dich … Bis dahin, gute Besserung. Wir sehen uns.“ Ich nehme die Karte. „Danke … nicht für die Karte. Wegen dem gute Besserung.“ Er nickt, dreht sich ab und verlässt das Zimmer. „Das war ein komischer Vogel.“ sagt Edona. „Kurac.“ kommentiert Jasa. „Gib mir mal die Karte.“ Onkel Jan streckt mir seine Hand hin. „Hier.“ Er schaut sie sich an. „Soso..“ „Was soso?“ will ich wissen. „Der Name kommt mir nicht bekannt vor. Darf ich die Karte?“ Ich nicke. „Klar. Habe nicht vor mich bei dem zu melden.“ In diesem Moment klopft es an der Türe und eine Schwester kommt rein. „Herr Nikodemski, kann ich kurz mit ihnen sprechen?“ „Du bist ja voll der Star hier.“ meint Jasa. Alle lachen. Naja, alle ausser die Krankenschwester. „Was gibt es denn? Darf ich nach Hause?“ „Noch nicht, der Arzt kommt gleich auf Visite. Aber es sieht ganz gut aus. Nichts gebrochen. Einige Prellungen und Schürfungen. Das wird wieder.“ Sie lächelt mich an. „Darf ich kurz?“ Während sie das fragt, hebt sie schon mein Hemd hoch und fummelt an einem Verband auf meinem Bauch rum. „Der sieht gut aus. Wie geht es ihnen mit den Schmerzen?“ „Geht schon.“ „Gut. Ansonsten einfach melden, wenn sie etwas brauchen.“ Sie geht zur Türe. „Die Visite sollte bald kommen.“ Ich nicke ihr zu.

Werbeanzeigen

#9 Dieses Bild muss man sich mal geben. Erwachsene Männer liegen völlig verpeilt auf einem Sofa.

Ich sitze auf dem Sofa und beobachte den Typen, der etwa einen Meter neben mir völlig weggetreten irgendwelches Zeug murmelt. Jasa reicht mir seinen Joint. Ich nehme einen tiefen Zug und geniesse den Duft des Rauches. Er überlagert diesen komischen, eklig süsslichen Geruch im Wohnzimmer von Tim. Tim ist der Typ, der gerade mit einem Feuerzeug, das Zeug auf seiner Alufolienkonstruktion zum dampfen bringen will. Den Dampf ein paar mal tief einatmen und kurze Zeit später ist man Tschüss. Das hab ich bei dem Murmel-Typ vorhin gesehen. Und jetzt macht Tim es ihm gleich.

Schwierig, aber ich schätze die so um die 30 Jahre alt. Locker das Doppelte von uns.

Eigentlich sind wir nur hier, weil wir was für Onkel Jan abholen sollten. 300.- um genauer zu sein.

Davon haben wir genau 200.- gekriegt. Nicht unser Problem. Um den Fehlbetrag kümmern sich später dann andere.

Nur weil sie uns was zu Rauchen angeboten haben, sind wir noch hier. Sie hätten uns auch nen Hit abgegeben. Aber bei dem Junkiescheiss machen wir nicht mit.

Dieses Bild muss man sich mal geben. Erwachsene Männer liegen völlig verpeilt auf einem Sofa. Der eine starrt die Decke an und murmelt nach wie vor vor sich hin. Der andere hat die Augen geschlossen und atmet voll schnell.

Ich drücke den Joint aus. „Lass uns abhauen Jasa. Von dem Geruch wird mir langsam schlecht …. und von den Typen auch.“ Jasa steht auf, läuft zum Fenster und öffnet es. „Alter, die sind ja mal komplett weggetreten … dämliche Junkies … meinst du, dass sie wissen, dass sie am Arsch sind, weil sie uns nicht die ganze Kohle gegeben haben?“ Ich schüttle den Kopf. „Denke nicht.“ Jasa nimmt eine Zigarettenschachtel vom Tisch und steckt sie ein. „Hey Ben. Wenn wir eh hier sind und die nichts mitkriegen, lass mal kucken, ob die ausser Kippen noch was anderes haben, was brauchbar ist.“ Ich nicke.

Ein paar Päckchen Gras habe ich gerade eingesteckt und überlege, ob ich das hässliche Zeug der Typen auch mitnehmen soll. Jasa, der in der Zwischenzeit in einem anderen Raum verschwunden ist ruft. „Ben! Komm her!“ Ich werfe die anderen Grips auf den Tisch zurück und geh zu Jasa. „Kuck! Decks!“ freudig streckt er mir zwei Skateboard Decks entgegen. „Welches willst du? … ich will das blaue.“ „Mir egal. Beide cool.“ antworte ich und greife nach dem schwarzen. Es hat eine Rose und einen Totenkopf drauf. „Oh! Meins!“ ruf ich und schnapp mir den Discman, der hinter ein paar Zeitschriften auf dem Boden liegt. „Ah fuck! … den hab ich gar nicht gesehen.“ meint Jasa etwas enttäuscht. „Ach, was haben wir denn hier?“ Jasa bückt sich nach einer kleinen Schatulle neben der Matratze und öffnet sie. Er greift rein und ein Bündel Geldscheine kommt zum Vorschein. „Wieviel ist das?“ will ich wissen. Jasa löst das Gummiband ab und zählt das Geld. Währenddessen gehe ich zurück um nach den Typen zu sehen. Scheinen sich nicht bewegt zu haben. „Yo! Die sind noch immer Banane!“ ruf ich nach drüben zu Jasa. „280 Tacken!“ ruft dieser zurück. „90.- für jeden.“ antworte ich ihm. „Genau.“ meint Jasa, der gerade wieder nach vorne kommt. „hier.“ er streckt mir Geld hin. Ich nehme es und verstaue es in meiner Hosentasche. „Lass uns abhauen und Onkel Jan die Kohle bringen.“ „Moment.“ Jasa geht zu Tim und tastet seine Hosentaschen ab. Er greift in eine rein. „Ein Feuerzeug.“ Er geht zum anderen rüber und macht dasselbe bei ihm. „Brieftasche … leer … noch ein Feuerzeug … mau.“ In diesem Moment greift der Typ nach Jasas Arm. „Lass los du Pisser!“ Jasa schüttelt die Hand des Typen ab. Dieser brabbelt irgendwas unverständliches. „Hauen wir ab.“

Wir laufen im Treppenhaus nach unten. „Die werden ganz schön sauer sein, wenn die wieder runterkommen und realisieren, was passiert ist.“ Jasa lacht. Ich muss auch lachen „Bestimmt! … aber eigentlich können sie es als Provision für uns betrachten. Schliesslich retten wir ihnen gerade den Arsch, weil wir die kompletten 300.- übergeben.“ „Hach, wir sind schon nette Jungs.“ Jasa lacht und hüpft die restlichen Stufen runter. „Die netten Nachbarjungs. Die guten Seelen des Kreises.“ lach ich und gehe Jasa nach.

#3 Bestimmt ein böser Zwerg! Wie dieses Rumpelstilzchen oder so!

Beim ersten Mal ist das immer so eine Sache.

Egal welches erste Mal es ist. Ob beim ersten Mal Fahrradfahren ohne Stützräder oder am ersten Schultag. Du bist nervös, aufgeregt, freudig, gespannt oder es wird dir kotzübel.

Ich habe gerade eher die kotzübel Variante.

Mama Ria, unsere Köchin im Heim, hat mir geholfen, meine Sachen zu packen. Das ging voll schnell. Richtig viel besitzt du nicht unbedingt als 6-jähriger, der seit knapp einem halben Jahr im Heim ist.

Wie ich dort gelandet bin?

Das ist eine andere Geschichte..

Ich mag Mama Ria. Ich war oft bei ihr in der Küche und hab geholfen. Wenn ich traurig war, war sie immer da für mich. Sie hat mich aufgemuntert. Manchmal bekam ich einen Keks und ein Glas Milch von ihr. Die besten Kekse und die leckerste Milch der Welt!

Beim Packen konnte aber auch sie mich nicht so wirklich aufmuntern. Ich will nicht aus der Stadt weg. Ich will nicht in eine Pflegefamilie.

Nicht, dass es mir im Heim gefällt. Ich gehöre eher zu den Jüngeren und die Älteren … da hat es echt einige Arschlöcher darunter. Das ewige Geschubst und Geschlagen werden, sind noch die harmlosen Dinge, die so zu meinem Alltag gehören.

Aber das alles kenne ich halt mittlerweile. Ich weiss, in welchen Ecken ich nichts zu suchen habe, ich kenne meinen Schulweg, ich weiss wo ich meinen Fussball finde, wenn er mir weggenommen wurde, weil ich wieder ein „böser Junge“ war. Meine kleine Welt ist zwar irgendwie kacke, aber es ist meine kleine Welt. Da kenne ich mich aus.

Und jetzt soll ich woanders hin. Ich weiss nicht wie es da sein wird. Ich weiss ja nicht mal wo das ist.

Bis zu dem Zeitpunkt, wusste ich nicht einmal, dass es den Kanton Thurgau überhaupt gibt. Geschweige denn diesen Ort.

Für mich existierte nur die Stadt. Das war mein Zuhause.

Und jetzt sitze ich in diesem Auto. Ein Koffer mit meinen Sachen liegt hinten.

Mein Rucksack mit ein paar Spielsachen und Büchern ist neben mir auf dem Rücksitz. Ich streichle den Fussball auf meinem Schoss, lehne den Kopf gegen die Scheibe und beobachte die Leitplanke, die an mir vorbeizieht. Meine Augen sind trocken und brennen. Tränen sind wohl aufgebraucht.

„Wir sind bald da.“, sagt Herr Burkhardt zu mir.

Das ist einer der Betreuer. Er bringt mich zu meinen Pflegeeltern.

Ich mag ihn nicht.

Nicht, weil er mich wegbringt. Ich mochte den noch nie. Hat seine Gründe.

Mittlerweile sind wir von der Autobahn runter und ich sehe die ersten Häuser.

Ich seh das Zeichen einer Bank die ich kenne. Aber es ist nicht blau sondern grün.

Ich kenne Parallelwelten aus einem Comic. Das muss hier eine sein, denke ich mir. Die einzig logische Erklärung.

Da fährt ein rot-weisses Ding, das bisschen aussieht wie ein Zug, aber es fährt auf der Strasse, wie die Trambahn die ich kenne. Aber meine Trambahn ist schmaler und blau-weiss. Also was soll das sein? Eine dicke Trambahn oder ein noch nicht ganz ausgewachsener Zug?

Mein Verdacht erhärtet sich, in einer Parallelwelt gelandet zu sein.

Während ich mir noch Gedanken darüber mache, warum man nichts merkt, wenn man in eine andere Welt reist, fahren wir auch schon auf einen Platz mit einer Reihe Garagen und halten an.

„So, da wären wir.“ meint Herr Burkhardt.

Ein paar gelbe Häuser ohne Dach sehe ich hinter der Wand aus Garagen. Komische Würfelhäuser, denke ich mir.

Herr Burkhardt öffnet mir die Autotüre.

Ich will nicht aussteigen. Aber ich will auch nicht, dass Herr Burkhardt wütend wird. Das will keiner…

Ich nehme meinen Rucksack, meinen Ball und steige aus dem Auto. Herr Burkhardt trägt meinen Koffer. Er geht vor und ich trotte ihm hinterher auf dem Weg zwischen den gelben Würfelhäusern durch. Vor dem einen ganz hinten Links bleiben wir stehen.

„Das ist es. Und bitte benimm dich gefälligst Ben.“ Er klingelt.

Nach einem kurzen Moment öffnet sich die Türe und Frau Nater steht da. „Guten Tag Herr Burkhard. Hallo Ben. Schön, dass ihr da seid. Kommt rein.“ Sie tritt zur Seite und winkt uns ins Haus.

Frau Nater und ihren Mann habe ich schon mal gesehen. Er ist aber nicht da. Er arbeitet noch, erzählt sie. Sie redet noch mehr, aber ich höre nicht wirklich hin.

Da steh ich nun. In einem fremden Haus, bei einer fremden Familie, an einem fremden Ort, in einer fremden Welt. Das muss ich erst mal einordnen. Ich spüre eine Hand an meiner Schulter. Es is Frau Nater. „Komm Ben. Möchtest du dich mit uns an den Tisch setzen oder soll ich dir das Haus und dein Zimmer erst zeigen?“

„Mein Zimmer? Ich würde gerne in mein Zimmer…“

„Na dann. Komm mit.“ Frau Nater läuft vor, eine Wendeltreppe hoch in den oberen Stock, geradeaus auf eine Türe zu und bleibt vor ihr stehen.

„Darf ich vorstellen, dein Zimmer Ben.“

Ich bleib vor dieser braunen Holztüre stehen und starre sie an. Mein Zimmer? Wie Zimmer in dieser Würfelhauswelt wohl aussehen?

„Möchtest du nicht reingehen?“ möchte sie von mir wissen. Sie lächelt. Ich denke, Frau Nater ist eine nette Frau. Bezüglich des Zimmers kann ich ihr bestimmt trauen. Ich öffne die Türe.

Ich weiss nicht genau was ich erwartet habe, aber mit einem normalen Bett, einem normalen Schreibtisch und einem normalen Schrank in einem ganz normalen Zimmer, habe ich jetzt nicht wirklich gerechnet. Habs mir würfelförmiger vorgestellt alles.

Sie unterbricht meine Gedanken „Wenn du möchtest, darfst du gerne deine Sachen auspacken. Soll ich dir dabei helfen?“

„Nein. Geht schon.“

„Gut, dann lass ich dich mal machen. Wenn du mich brauchst, ich gehe kurz nach unten.“ Sie streichelt meinen Kopf und scheint sich irgendwie zu freuen.

Ich habe jetzt nicht wirklich vor, meine Sachen auszupacken. Ich will ja gar nicht hier sein.

Vom Fenster aus sieht man in den Garten. Da ist ein Baum, ein kleiner Teich, eine Schaukel und ein komisches kleines Häuschen aus Ziegeln. Wer da wohl drin wohnt? Bestimmt ein böser Zwerg! Wie dieses Rumpelstilzchen oder so!

Ich habe bisschen schiss vor dem Häuschen. Beziehungsweise vor dem, was da drin wohnt.

„Ben!“ höre ich Herr Burkhardt von unten rufen. „Komm mal runter und verabschiede dich!“

Natürlich renne ich sofort die Treppe runter, wenn er ruft.

„Frau Nater und ich haben soweit alles geklärt. Ich mache mich auf den Weg und du benimmst dich, ja?“ er schaut mich mit seinem strengen Blick an.

„Kann ich nicht wieder mitkommen? Bitte!“

„Du weisst, dass das nicht geht.“ sagt er mit seinem Befehlston. Dann wendet er sich Frau Nater zu und verabschiedet sich von ihr.

Unter der Eingangstüre dreht er sich noch kurz zu mir, hebt seine Hand hoch und läuft nach einem „Machs gut Ben.“ davon. Frau Nater schliesst die Türe.

Ich starre die Türe an und möchte weinen. Aber das geht irgendwie wieder nicht.

„Magst du Eistee?“, holt sie mich wieder mal aus meinen Gedanken.

„Ja.“

„Komm, wir gehen in den Garten und trinken Eistee zusammen. Ok?“, sie streckt mir ihre Hand entgegen.

„Ich … ich möchte nicht in diesen Garten … Da ist dieser böse Zwerg … können wir nicht einfach den Eistee hier drin trinken?“

Sie sieht mich verwirrt an. „Welcher böse Zwerg ist denn da?“

„Na der, der da in dem Ziegelsteinhäuschen…“

Sie kniet sich hin, legt mir eine Hand auf die Schulter und schaut mir in die Augen. „Ziegelsteinhäuschen? … weiss du was? Dann verjagen wir ihn doch einfach zusammen. Von einem Zwerg lassen wir uns doch nicht den Eistee verderben. Gegen uns beide hat der doch keine Chance.“ Sie lächelt.

Ich denke kurz darüber nach, dass wir zu zweit eine Chance hätten.

„Na gut.“ sag ich „aber dann muss ich erst noch was holen.“

Ich renne die Treppe hoch, ins Zimmer und krame meine Steinschleuder aus dem Rucksack.

Auf gehts. „Zwergenjagd!“ ruf ich mir Mut zu und renne die Treppe wieder runter.

Sie schaut mich an, sieht meine Zwille, verschwindet um die Ecke und kommt mit einem Kochlöffel bewaffnet wieder zurück. „Kann losgehen.“

Ich habe keine Ahnung, was sie mit einem Holzkochlöffel gegen einen Zwerg ausrichten will, aber ok. „Los gehts!“

Ich schleiche vor zur Balkontüre, sie dicht hinter mir.

Vorsichtig öffne ich die Türe, renne zu den Gartenmöbeln auf der Terrasse und gehe in Deckung. Sie tut es mir gleich.

„Wo steckt denn jetzt dieser Zwerg?“ flüstert sie mir ins Ohr.

„Na da. In seinem Häuschen.“ flüstere ich zurück und zeige auf den Ziegelsteinbau.

Sie fängt an zu lachen.

„Komm mal mit.“ Sie nimmt mich an der Hand. Und wir laufen zu dem Ziegelhaus. Sie lacht noch immer. „Sieh mal, das ist nicht das Haus von einem Zwerg. Das ist unser Gartengrill. … weisst du was ein Grill ist?“

Was für eine Frage. Ich bin kein Baby mehr. Ich weiss sehr wohl einen Grill von einem Zwergenhaus zu unterscheiden. „Klar weiss ich, was ein Grill ist. Aber das ist kein Grill. Ein Grill sieht anders aus. Ein Grill ist so ein Kasten und da ist so eine Flaschen angeschlossen und dann zündet man das an und grillt seine Wurst drin.“

Sie lächelt mich an. „Was du meinst, ist ein Gasgrill. Aber es gibt noch viele, verschiedene andere Grills. Zum Beispiel einen solchen hier. Ohne Gas. Da macht man ein Feuer aus Holz um zu Grillen.“

„Feuer?“ ich kuck den angeblichen Grill an und denke mir nur, was für eine seltsame Parallelwelt das nur ist.