Beim ersten Mal ist das immer so eine Sache.

Egal welches erste Mal es ist. Ob beim ersten Mal Fahrradfahren ohne Stützräder oder am ersten Schultag. Du bist nervös, aufgeregt, freudig, gespannt oder es wird dir kotzübel.

Ich habe gerade eher die kotzübel Variante.

Mama Ria, unsere Köchin im Heim, hat mir geholfen, meine Sachen zu packen. Das ging voll schnell. Richtig viel besitzt du nicht unbedingt als 6-jähriger, der seit knapp einem halben Jahr im Heim ist.

Wie ich dort gelandet bin?

Das ist eine andere Geschichte..

Ich mag Mama Ria. Ich war oft bei ihr in der Küche und hab geholfen. Wenn ich traurig war, war sie immer da für mich. Sie hat mich aufgemuntert. Manchmal bekam ich einen Keks und ein Glas Milch von ihr. Die besten Kekse und die leckerste Milch der Welt!

Beim Packen konnte aber auch sie mich nicht so wirklich aufmuntern. Ich will nicht aus der Stadt weg. Ich will nicht in eine Pflegefamilie.

Nicht, dass es mir im Heim gefällt. Ich gehöre eher zu den Jüngeren und die Älteren … da hat es echt einige Arschlöcher darunter. Das ewige Geschubst und Geschlagen werden, sind noch die harmlosen Dinge, die so zu meinem Alltag gehören.

Aber das alles kenne ich halt mittlerweile. Ich weiss, in welchen Ecken ich nichts zu suchen habe, ich kenne meinen Schulweg, ich weiss wo ich meinen Fussball finde, wenn er mir weggenommen wurde, weil ich wieder ein „böser Junge“ war. Meine kleine Welt ist zwar irgendwie kacke, aber es ist meine kleine Welt. Da kenne ich mich aus.

Und jetzt soll ich woanders hin. Ich weiss nicht wie es da sein wird. Ich weiss ja nicht mal wo das ist.

Bis zu dem Zeitpunkt, wusste ich nicht einmal, dass es den Kanton Thurgau überhaupt gibt. Geschweige denn diesen Ort.

Für mich existierte nur die Stadt. Das war mein Zuhause.

Und jetzt sitze ich in diesem Auto. Ein Koffer mit meinen Sachen liegt hinten.

Mein Rucksack mit ein paar Spielsachen und Büchern ist neben mir auf dem Rücksitz. Ich streichle den Fussball auf meinem Schoss, lehne den Kopf gegen die Scheibe und beobachte die Leitplanke, die an mir vorbeizieht. Meine Augen sind trocken und brennen. Tränen sind wohl aufgebraucht.

„Wir sind bald da.“, sagt Herr Burkhardt zu mir.

Das ist einer der Betreuer. Er bringt mich zu meinen Pflegeeltern.

Ich mag ihn nicht.

Nicht, weil er mich wegbringt. Ich mochte den noch nie. Hat seine Gründe.

Mittlerweile sind wir von der Autobahn runter und ich sehe die ersten Häuser.

Ich seh das Zeichen einer Bank die ich kenne. Aber es ist nicht blau sondern grün.

Ich kenne Parallelwelten aus einem Comic. Das muss hier eine sein, denke ich mir. Die einzig logische Erklärung.

Da fährt ein rot-weisses Ding, das bisschen aussieht wie ein Zug, aber es fährt auf der Strasse, wie die Trambahn die ich kenne. Aber meine Trambahn ist schmaler und blau-weiss. Also was soll das sein? Eine dicke Trambahn oder ein noch nicht ganz ausgewachsener Zug?

Mein Verdacht erhärtet sich, in einer Parallelwelt gelandet zu sein.

Während ich mir noch Gedanken darüber mache, warum man nichts merkt, wenn man in eine andere Welt reist, fahren wir auch schon auf einen Platz mit einer Reihe Garagen und halten an.

„So, da wären wir.“ meint Herr Burkhardt.

Ein paar gelbe Häuser ohne Dach sehe ich hinter der Wand aus Garagen. Komische Würfelhäuser, denke ich mir.

Herr Burkhardt öffnet mir die Autotüre.

Ich will nicht aussteigen. Aber ich will auch nicht, dass Herr Burkhardt wütend wird. Das will keiner…

Ich nehme meinen Rucksack, meinen Ball und steige aus dem Auto. Herr Burkhardt trägt meinen Koffer. Er geht vor und ich trotte ihm hinterher auf dem Weg zwischen den gelben Würfelhäusern durch. Vor dem einen ganz hinten Links bleiben wir stehen.

„Das ist es. Und bitte benimm dich gefälligst Ben.“ Er klingelt.

Nach einem kurzen Moment öffnet sich die Türe und Frau Nater steht da. „Guten Tag Herr Burkhard. Hallo Ben. Schön, dass ihr da seid. Kommt rein.“ Sie tritt zur Seite und winkt uns ins Haus.

Frau Nater und ihren Mann habe ich schon mal gesehen. Er ist aber nicht da. Er arbeitet noch, erzählt sie. Sie redet noch mehr, aber ich höre nicht wirklich hin.

Da steh ich nun. In einem fremden Haus, bei einer fremden Familie, an einem fremden Ort, in einer fremden Welt. Das muss ich erst mal einordnen. Ich spüre eine Hand an meiner Schulter. Es is Frau Nater. „Komm Ben. Möchtest du dich mit uns an den Tisch setzen oder soll ich dir das Haus und dein Zimmer erst zeigen?“

„Mein Zimmer? Ich würde gerne in mein Zimmer…“

„Na dann. Komm mit.“ Frau Nater läuft vor, eine Wendeltreppe hoch in den oberen Stock, geradeaus auf eine Türe zu und bleibt vor ihr stehen.

„Darf ich vorstellen, dein Zimmer Ben.“

Ich bleib vor dieser braunen Holztüre stehen und starre sie an. Mein Zimmer? Wie Zimmer in dieser Würfelhauswelt wohl aussehen?

„Möchtest du nicht reingehen?“ möchte sie von mir wissen. Sie lächelt. Ich denke, Frau Nater ist eine nette Frau. Bezüglich des Zimmers kann ich ihr bestimmt trauen. Ich öffne die Türe.

Ich weiss nicht genau was ich erwartet habe, aber mit einem normalen Bett, einem normalen Schreibtisch und einem normalen Schrank in einem ganz normalen Zimmer, habe ich jetzt nicht wirklich gerechnet. Habs mir würfelförmiger vorgestellt alles.

Sie unterbricht meine Gedanken „Wenn du möchtest, darfst du gerne deine Sachen auspacken. Soll ich dir dabei helfen?“

„Nein. Geht schon.“

„Gut, dann lass ich dich mal machen. Wenn du mich brauchst, ich gehe kurz nach unten.“ Sie streichelt meinen Kopf und scheint sich irgendwie zu freuen.

Ich habe jetzt nicht wirklich vor, meine Sachen auszupacken. Ich will ja gar nicht hier sein.

Vom Fenster aus sieht man in den Garten. Da ist ein Baum, ein kleiner Teich, eine Schaukel und ein komisches kleines Häuschen aus Ziegeln. Wer da wohl drin wohnt? Bestimmt ein böser Zwerg! Wie dieses Rumpelstilzchen oder so!

Ich habe bisschen schiss vor dem Häuschen. Beziehungsweise vor dem, was da drin wohnt.

„Ben!“ höre ich Herr Burkhardt von unten rufen. „Komm mal runter und verabschiede dich!“

Natürlich renne ich sofort die Treppe runter, wenn er ruft.

„Frau Nater und ich haben soweit alles geklärt. Ich mache mich auf den Weg und du benimmst dich, ja?“ er schaut mich mit seinem strengen Blick an.

„Kann ich nicht wieder mitkommen? Bitte!“

„Du weisst, dass das nicht geht.“ sagt er mit seinem Befehlston. Dann wendet er sich Frau Nater zu und verabschiedet sich von ihr.

Unter der Eingangstüre dreht er sich noch kurz zu mir, hebt seine Hand hoch und läuft nach einem „Machs gut Ben.“ davon. Frau Nater schliesst die Türe.

Ich starre die Türe an und möchte weinen. Aber das geht irgendwie wieder nicht.

„Magst du Eistee?“, holt sie mich wieder mal aus meinen Gedanken.

„Ja.“

„Komm, wir gehen in den Garten und trinken Eistee zusammen. Ok?“, sie streckt mir ihre Hand entgegen.

„Ich … ich möchte nicht in diesen Garten … Da ist dieser böse Zwerg … können wir nicht einfach den Eistee hier drin trinken?“

Sie sieht mich verwirrt an. „Welcher böse Zwerg ist denn da?“

„Na der, der da in dem Ziegelsteinhäuschen…“

Sie kniet sich hin, legt mir eine Hand auf die Schulter und schaut mir in die Augen. „Ziegelsteinhäuschen? … weiss du was? Dann verjagen wir ihn doch einfach zusammen. Von einem Zwerg lassen wir uns doch nicht den Eistee verderben. Gegen uns beide hat der doch keine Chance.“ Sie lächelt.

Ich denke kurz darüber nach, dass wir zu zweit eine Chance hätten.

„Na gut.“ sag ich „aber dann muss ich erst noch was holen.“

Ich renne die Treppe hoch, ins Zimmer und krame meine Steinschleuder aus dem Rucksack.

Auf gehts. „Zwergenjagd!“ ruf ich mir Mut zu und renne die Treppe wieder runter.

Sie schaut mich an, sieht meine Zwille, verschwindet um die Ecke und kommt mit einem Kochlöffel bewaffnet wieder zurück. „Kann losgehen.“

Ich habe keine Ahnung, was sie mit einem Holzkochlöffel gegen einen Zwerg ausrichten will, aber ok. „Los gehts!“

Ich schleiche vor zur Balkontüre, sie dicht hinter mir.

Vorsichtig öffne ich die Türe, renne zu den Gartenmöbeln auf der Terrasse und gehe in Deckung. Sie tut es mir gleich.

„Wo steckt denn jetzt dieser Zwerg?“ flüstert sie mir ins Ohr.

„Na da. In seinem Häuschen.“ flüstere ich zurück und zeige auf den Ziegelsteinbau.

Sie fängt an zu lachen.

„Komm mal mit.“ Sie nimmt mich an der Hand. Und wir laufen zu dem Ziegelhaus. Sie lacht noch immer. „Sieh mal, das ist nicht das Haus von einem Zwerg. Das ist unser Gartengrill. … weisst du was ein Grill ist?“

Was für eine Frage. Ich bin kein Baby mehr. Ich weiss sehr wohl einen Grill von einem Zwergenhaus zu unterscheiden. „Klar weiss ich, was ein Grill ist. Aber das ist kein Grill. Ein Grill sieht anders aus. Ein Grill ist so ein Kasten und da ist so eine Flaschen angeschlossen und dann zündet man das an und grillt seine Wurst drin.“

Sie lächelt mich an. „Was du meinst, ist ein Gasgrill. Aber es gibt noch viele, verschiedene andere Grills. Zum Beispiel einen solchen hier. Ohne Gas. Da macht man ein Feuer aus Holz um zu Grillen.“

„Feuer?“ ich kuck den angeblichen Grill an und denke mir nur, was für eine seltsame Parallelwelt das nur ist.

Werbeanzeigen