#4 „Hier. Nimm deinen 10er. Aber das Ding landet heute noch bei deinem Onkel, ok?“

„Einfach den Schraubenzieher reinstecken, bisschen rumhebeln, entriegeln und dann rausnehmen. Pass aber auf, dass du die Kabel zum Radio nicht abreisst. Denn dann gibts keine Kohle. Und sieh zu, dass du das Teil nicht zu sehr havarierst mit dem Schraubenzieher, ok?“

Eric baut den Radio wieder ein, dreht sich zu mir und streckt mit den Schraubenzieher hin. „Jetzt du.“

Wir sitzen in einem alten Golf, den Eric in seiner Garage stehen hat. Er auf dem Fahrer-, ich auf dem Beifahrersitz.

Eric ist etwas über 40. Locker dreimal so alt wie ich. Ihm gehört diese Werkstatt. Er Verkauft alles Mögliche. Ersatzteile, vorwiegend Occasionen. Wie ein Grossteil seines Angebots in sein Lager kommt ist so eine Sache. Aber mich juckt das nicht. Ich will nur bisschen Geld.

Klar könnte man jetzt sagen, was soll besser daran sein, ein Verbrechen zu begehen um an Geld zu kommen, als sich die Dinge die man haben möchte, direkt zu klauen?

Na, tendenziell ist es nicht immer ganz so einfach mit Ladendiebstahl und ausserdem schliesst das eine ja das andere nicht aus. Im Gegenteil.

Ich fummle also mit dem Schraubenzieher an dem Radio rum. Geht eigentlich voll einfach, wenn du den Dreh mal raus hast.

„Sieh an! Wir haben ein Naturtalent!“ Er lacht und klopft mir auf die Schulter.

„Bei manchen Modellen ist die Entriegelung unten oder oben. Ich zeig dir die mal. Komm.“ Er steigt aus.

Ich tu es ihm gleich und lauf ihm hinterher.

Während er mir andere Radiotypen zeigt, kommt irgend so ein Typ in die Werkstatt. Die scheinen sich zu kennen. Eric lässt mich am Regal stehen, läuft zu ihm vor, begrüsst ihn und sie verschwinden in seinem Büro. Dieser Typ streckt Eric Geld hin. Eric kramt in einem seiner Aktenschränke rum, holt ein kleines Paket raus und legt es auf den Tisch vor ihm.

Er nimmt das Geld, der Typ das Päckchen und beide kommen wieder aus dem Büro.

Der Typ winkt mir kurz zu „Tschüss Junge.“, gibt Eric die Hand und verlässt die Werkstatt wieder.

„Wo sind wir stehengeblieben Ben?“ Eric legt seinen Arm über meine Schultern, zieht mich an sich ran und schüttelt mich leicht.

„Na, du hast mir die verschiedenen Modelle gezeigt.“

„Stimmt. … also, kriegst du das hin?“ will er von mir wissen.

„Klar. Kein Ding. Und was krieg ich dafür?“

„Kassettendeck 10.-, CD 15.- und wenn du sie zu sehr kaputt gemacht hast, einen Pfifferling.“

„Warte mal. Jasa hat gesagt, er kriegt 15.- für die Tapes und einen 20er für CD Player.“

„Der macht das aber auch schon länger. Das sind die Anfängerkonditionen Kleiner.“

„Vergiss es! Ich mach denn Scheiss doch nicht für weniger Geld als er. Das ist ein scheiss Konzept…“

Ich wende mich von ihm ab und will eigentlich raus aus der Werkstatt. „Warte Ben. Ist ok. Ich kauf sie dir ja zum selben Preis ab.“

Ich dreh mich wieder zu ihm. „Geht doch.“

„Du weisst anscheinend wie das läuft, was?“ er lacht. „Hast du bestimmt von deinem Onkel … Apropos Onkel. Kannst du ihm das von mir bringen?“ Er greift nach einer Tabakdose in seinem Regal und hält sie mir hin.

Ja, ich habe mehr als einen Onkel. Aber wenn mir ein zwielichtiger Kerl etwas gibt, dass ich meinem Onkel geben soll, weiss ich genau von welchem er redet. „Ja kann ich machen … was krieg ich dafür?“

„Wie wär es mit einem Freundschaftsdienst Kleiner?“

„Wir sind also Freunde? … dann mach ich dir doch einen Freundschaftspreis. Für einen 10er bring ich es ihm.“ Ich grinse ihn an. Erich findets irgendwie nicht so witzig. „Du bist ganz schön frech.“

„Mag sein. Frech vielleicht. Aber ich bin nicht dumm. Ich weiss wie das läuft. Ich spiele nicht einmal für meinen Onkel den freiwilligen Postboten. Aber wenn du kein Interesse hast, bring es ihm doch selber. Ich hab da kein Problem damit.“

Ich seh Eric an, dass er nachdenkt.

Und schon kramt er Geld aus seiner Hosentasche. „Hier. Nimm deinen 10er. Aber das Ding landet heute noch bei deinem Onkel, ok?“

„Logisch. Ich bin zuverlässiger und schneller als die Post.“ Ich schnapp mir die Note, die Dose und verabschiede mich. „Bis dann Eric.“

„Bis dann Ben. Und richte deinem Onkel einen Gruss von mir aus.“

„Mach ich!“ ruf ich ihm zu, während ich die Türe hinter mir schliesse.

Jasa sitzt draussen neben unseren Fahrrädern auf einer verrosteten Tonne und raucht eine Kippe. „Was hat denn da so lange gedauert.“

„Sorry. Geschäfte. Du wolltest ja nicht mit reinkommen.“

„Ach schon ok.“ Jasa hüpft von der Tonne runter und zieht eine Packung Zigaretten aus der Hosentasche. „Kippe?“ Ich nehme eine raus und steck sie mir an. „Weisst du wie spät es ist Ben?“ „Nö. Vielleicht halb 2 oder so … Warum? Ich muss übrigens zu Onkel Jan. Der hat sonst eine Uhr.“

„Ich hab mir Edona abgemacht, dass wir uns um 3 beim Manor treffen.“

„Wir könnten uns echt mal Uhren zulegen…“

„Hilf mir daran zu denken, wenn wir beim Manor sind.“

Wir schwingen uns auf unsere BMX und fahren los. Ein paar Minuten, einige echauffierte Fussgänger und Autofahrer später, sind wir beim Laden von Onkel Jan angekommen.

Onkel Jan betreibt dieses Bordell und … andere Sachen. Ich komme gerne hier hin. Nicht, dass er 14-jährige einfach so dulden würde in seinem Betrieb, aber Edona, Jasa und ich, dürfen hier rund um die Uhr aufschlagen. Einer der wenigen Orten, an denen wir willkommen, sogar gerne gesehen werden. Onkel Jan freut sich immer uns zu sehen. Wir kennen hier alles und jeden.

Eventuell ist ein Umfeld aus Prostituierten und Biker nicht ideal, aber sonst kümmert sich ja keiner um uns. Gut, einige versuchen es zwar, funktioniert aber halt nicht so richtig.

Die Menschen, die hier arbeiten, interessieren sich wenigstens für uns und sind immer da.

Aber egal jetzt. Ich muss eine Büchse abliefern. Jasa und ich laufen durch den Eingang, direkt an die Bar. „Hallo Petra. Ist Onkel Jan da?“

„Hallo ihr Süssen. Nein der ist gerade nicht hier. Wollt ihr warten? Mögt ihr eine Limo?“

Ich überlege kurz, seh auf der Uhr an der Wand, dass es halb 3 durch ist.

„Nein. Keine Zeit. Danke. Ich hab was für ihn. Ich leg es ihm in sein Büro. Geht das?“

„Sicher. Geh und sag Mike, dass er euch die Türe aufschliessen soll.“

Wir gehen hinter die Theke in ein kleines Zimmer. Dort sitzt Mike, ein bulliger Typ mit Lederkutte an einem Tisch und raucht.

„Hey Mike. Wie gehts? Kannst du mir kurz das Büro öffnen? Ich muss was abgeben.“

„Hey Jungs. Mir gehts gut. Bei euch alles klar?“ Er steht auf, holt einen Schlüsselbund hervor und schliesst die Bürotüre auf.

„Ja bei uns alles gut. Danke.“

Ich gehe ins Büro, nehme die Büchse aus meinem Rucksack, stelle sie auf den Bürotisch und schreibe eine Notiz für meinen Onkel auf einen Zettel.

„Mach hin Ben. Wir müssen los.“

„Wo müsst ihr denn so dringend hin Jungs?“ will Mike wissen.

Jasa klärt ihn auf „Wir müssen um 3 beim Manor sein.“

„Manor also…“ Mike nickt und grinst. „Will ich wissen, was ihr vorhabt?“

Jasa und ich schauen uns an. „Ich denke, wir besorgen uns Uhren.“ sagt Jasa.

„Ihr braucht Uhren?“ will Mike wissen.

„Ja irgendwie schon.“ Antworte ich ihm.

„Moment.“ sagt Mike und geht nach vorne in die Bar.

Kurz darauf kommt er mit einer Geldkassette zurück. Er setzt sich wieder an den Tisch, öffnet die Kassette und nimmt Geld raus. „Hier. Holt euch Uhren damit. Und bringt mir eine Tafel Schokolade mit.“ Er drückt uns beiden je 100.- in die Hand und ergänzt „ich sollt doch nicht immer nur Scheisse bauen.“ Mike tätschelt uns beiden den Kopf „und jetzt haut schon ab. Edona wartet.“

Ich hatte noch nie so viel Geld in der Hand. Zumindest nicht Geld, das mir gehörte. „Danke Mike … aber das ist doch zu viel Geld für eine Uhr … nicht?“ „Na, ihr sollt mir ja auch noch Schokolade holen.“ entgegnet mir Mike. „Ja aber auch mit Schokolade ist das zu viel … oder?“

„Dann kauft ihr Edona halt auch noch was Schönes, Jungs. Sie wird sich bestimmt freuen.“

nachdem Jasa und ich uns gefühlt tausend Mal bedankt haben, packen wir das Geld ein, verabschieden uns von Mike, an der Bar und verlassen das Gebäude.

„Alter, hat us Mike echt gerade einfach so 200.- gegeben?“ fragt Jasa und kriegt sein Grinsen kaum mehr aus dem Gesicht.

„Jap.“ Auch ich freue mich darüber.

Es ist nicht so, dass wir nicht hin und wieder mal was von den Jungs bekommen. Normalerweise sind das aber meistens Getränke, Essen oder wir dürfen ab und an in dem Laden übernachten, wenn wir keine Lust haben im Heim zu sein. Was echt oft vorkommt und immer für Ärger sorgt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der heutige Tag, wird als der Tag, an dem ich meinen ersten Nebenjob klargemacht und meine erste, eigene Uhr bekomme, in die Analen eingehen.

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