„Eine Spraydose, schwarz. Eine Spraydose, silber …“ während der eine Polizist den Inhalt meines Rucksacks, einen Gegenstand nach dem anderen, vor sich auf den Tisch legt, notiert die Polizistin neben ihm diese auf ihrem Formular.

Jasa sitzt neben mir. Wir versuchen gelassen und entspannt zu wirken. Wenn ich ehrlich bin, ich bin scheisse nervös.

„Was ist das?“ Er hält uns ein Autoradio vor die Nase.

„Wonach sieht es denn aus Herr Polizei.“ Antwortet ihm Jasa mit einem Grinsen und schaut zu mir rüber.

Ich muss lachen.

Der Polizist wirkt nicht belustigt. „Was ist daran so witzig?“

„Na, wir wussten halt nicht, dass sie keine Ahnung haben, was ein Autoradio ist.“ Sagt Jasa.

Ich muss erneut lachen und sehe, wie sich die Polizistin das Lachen unterdrückt.

Die Stimme des Polizisten wird lauter und strenger. „Warum hast du ein Autoradio in deinem Rucksack?“ will er von Jasa wissen.

„Das ist gar nicht mein Rucksack.“

„Das ist meiner.“ sag ich.

„Mir egal, wem von euch Rotzbengeln der gehört! Wo habt ihr dieses Autoradio her?!“ Wütend knallt er seine Faust auf den Tisch.

„Keine Ahnung wo das herkommt.“ antworte ich so gelassen ich kann.

Man hat uns immer gesagt, egal bei was man euch erwischt, redet niemals mit der Polizei. Und genau das versuchen wir hier gerade.

Was soll auch schon passieren?

Wir sind beide noch Minderjährig. Für uns gelten noch andere Gesetze. Plus, sie haben uns beim Rumlungern aufgegabelt und nicht direkt bei einer Straftat erwischt. Wir waren bis dato noch nie auf einem Polizeiposten, aber dumm sind wir nicht.

Grundsätzlich können wir uns nie ausweisen, geben aus Prinzip falsche Namen an und wissen einfach nicht, wer für uns verantwortlich ist.

Im schlimmsten Fall werden wir irgendeiner Behörde an die Hand gegeben. Was solls. Im Heim wohnen wir ja eh schon.

„Ihr habt also keine Ahnung wo das Teil herkommt, ja?“ Er schaut das Radio an und wirft es nach ein paar Sekunden auf den Tisch. „Gut …“ er atmet ein Mal tief durch. „Ich fasse zusammen. Ihr wisst nicht wo ihr wohnt, ihr wisst nicht wo und wer eure Eltern sind, ihr habt Spraydosen und ein Autoradio dabei … Ach, und ihr wisst nicht, wozu ihr auf den Abstellgleisen rumgelungert seid … Ich sage euch was hier Fakt ist. Ihr habt dieses Radio geklaut und auf den Abstellgleisen wolltet ihr die Züge beschmieren!“ er lehnt sich über den Tisch und brüllt uns an. „Habt ihr da noch irgendwas dazu zu sagen?!“

Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass der Polizist mich gerade nicht etwas eingeschüchtert hat. Aber ich weiss, dass er keine Beweise dafür hat und versuche so ruhig wie möglich zu bleiben. Ich sehe, dass Jasa auch erschrocken ist von dem Gebrüll des Polizisten. Aber auch er sagt nichts.

Der Polizist stellt sich wieder gerade hin und reibt sich ein paar mal über die Stirn. „Das bringt hier nichts.“ sagt er zu seiner Kollegin. „Übernimm du die Drecksblagen.“

Er wirft uns einem sehr bösen Blick zu, während er zur Türe läuft und diese öffnet. „Euch behalte ich im Auge. Vergesst das nicht!“ Er knallt die Türe hinter sich zu.

Ein kurzer Moment Stille.

Die Polizistin schaut uns an. „Gut. Da wir nicht wissen, wer für euch verantwortlich ist, werde ich euch mal einem Jugendarbeiter übergeben. Eventuell redet ihr ja mit denen. Kommt mit.“ Sie steht auf, geht zur Türe und winkt uns zu ihr.

Wir gehen ihr nach, aus dem Raum, über den Flur an verschiedenen Zimmern vorbei, zum Eingangsbereich der Polizeistation.

„Setzt euch hier hin und wartet.“ Sie zeigt auf eine Reihe Stühle, die an der Wand aufgestellt sind.

Dem einen Polizisten am Schalter sagt sie, dass er uns im Auge behalten soll und verschwindet in einem Büro.

Der Typ am Schalter schaut uns skeptisch an.

„Was machen wir denn jetzt?“ flüstert mir Jasa zu.

„Weiss nicht.“ antworte ich ebenfalls flüsternd. „Wir sollten abhauen.“

„Aber der Typ beobachtet uns doch die ganze Zeit.“ Meint Jasa.

„Bis der aus dem Schalter vorgekommen ist, sind wir doch schon lange weg. Meinst du nicht? … ausserdem haben die doch eh nichts in der Hand. Denkst du, die würden uns wirklich verfolgen?“

Jasa denkt kurz nach und schüttelt dann den Kopf.

In diesem Moment klingelt ein Telefon, der Polizist auf der anderen Seite des Schalters greift nach einem Hören und nimmt den Anruf entgegen.

„Jetzt!“ ruft Jasa. Ich schau kurz ihn und dann den Polizisten an. Wir springen auf und rennen los. Raus auf die Strasse. Ein lautes „Halt!“ hören wir noch hinter uns doch Jasa rennt schon in Richtung Langstrasse davon. Ich entscheide mich für die Entgegengesetzte.

Ich weiss nicht, ob ich bisher überhaupt schon mal so weit gesprintet bin. Ich rase der Militärstrasse entlang, rüber zur Lagerstrasse, über die Sihl, zwischen den Häusern durch. Am Rennweg meldet sich ein Seitenstechen. Ich bleibe kurz stehen und schau mich um. Sieht so aus, das keiner nachgekommen ist.

Vermutlich hätte ich gar nicht so weit rennen müssen. Ob die Jasa verfolgt haben?

Ach, die sind uns bestimmt nicht mal 10 Meter weit nachgelaufen. Die faulen Säcke! Ich muss darüber lachen. Um Jasa mache ich mir keine Sorgen. Der kommt schon klar. Kommen wir doch alle. Immer. Irgendwie.

Gemütlich spaziere ich wieder zurück zur Bahnhofstrasse. Edona schnuppert diese Woche im PKZ. Die hat bestimmt bald Feierabend.

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