Ich weiss nicht genau was da zwischen Larissa und mir läuft, aber wir sind wohl jetzt zusammen. Sie ist 17. Ein Jahr älter als ich. Haben uns in dem Skateshop kennengelernt, in dem wir manchmal rumhängen. Der gehört Dan. Er ist ein voll korrekter Typ. Manchmal bekommen wir so Promo-Sachen von ihm geschenkt. Und er kann dir einfach alles auftreiben. Er hat mir das Flip Deck besorgt, dass ich bei Geoff Rowley in einem Magazin gesehen habe. Naja egal. Da habe ich sie jedenfalls kennengelernt. Ich sass vor dem Laden, hab Musik gehört und hantierte gerade mit meinem neuen Setup rum. Sie setzte sich zu mir und hat einfach nur zugesehen. Irgendwann kamen wir dann ins Gespräch. Bisschen über Skaten und Musik gequatscht. Sie gefiel mir und ich habe ihr sogar verziehen, dass sie Anti-Flag, die ich gerade gehört habe, mit ihrer Lieblingsband, NOFX verglichen hat. Wir verabredeten uns zum Skaten und jetzt wissen wir ja, wo das hingeführt hat. Zu meiner ersten, festen Freundin.

Gerade laufe ich durch den Kreis 8 und suche die Hausnummer, die sie mir angegeben hat. Ich bin zum Abendessen eingeladen. Ihre Eltern wollen mich kennenlernen. Und so langsam werde ich nervös. Sie hat mir schon gesagt, dass sie im Riesbach wohnt, aber ich habe mir nichts dabei gedacht. Wie ich hier so lang laufe und ihrer Wegbeschreibung folge, werden die Häuser immer bonziger. Ich bin mir nicht sicher, ob ich hier richtig bin. Es fühlt sich nicht so an. Aber da vorne ist das Haus. Die richtige Strasse und die richtige Nummer.

Ein letztes Mal tief durchatmen bevor ich klingle. Es dauert keine Minute und die Türe geht auf. Da steht Larissa und lächelt mir an. „Komm rein.“ Ich sehe nirgends ein Schuhgestell oder so. „Wo soll ich meine Schuhe hinstellen?“ frage ich sie, während ich mich bücke um sie auszuziehen. „Lass nur. Musst sie nicht ausziehen. Komm mit. Ich stell dich meiner Mutter vor. Mein Vater kommt etwas später.“ Ich nicke und gehe ihr hinterher. Irgendwie sieht für mich in diesem Haus alles alt und wertvoll aus. Wir gehen durch das Esszimmer, ich gehe wegen dem riesigen, gedeckten Tisch davon aus, dass es das Esszimmer ist, in die grösste Küche, die ich bis dato in einem privaten Haus gesehen habe. Im Ernst, ich kenne Wohnungen, die etwa so gross sind wie diese Küche. Es riecht ziemlich lecker nach Essen. „Mama?“ „Oh Hallo.“ Eine blonde Frau, ich schätze sie mal so um die 40, stellt ihr Weinglas neben der Spüle ab und kommt auf uns zu. „Du musst Ben sein. Herzlich willkommen Ich bin Felis.“ Sie lächelt, umarmt mich und gibt mir 3 Küsschen auf die Wangen zur Begrüssung. Sie riecht gut. Und sie scheint auch ganz nett zu sein. „Schätzchen, Papa hat gerade angerufen, er ist etwa in einer halben Stunde hier. Möchtest du ihm nicht das Haus zeigen in der Zwischenzeit?“ Larissa nickt und greift nach meiner Hand. „Komm mit.“ Sie zieht mich aus der Küche. Warum ich ihrer Mutter kurz zugewinkt habe beim Rausgehen? Keine Ahnung…

Larissa zeigt mir einen Raum nach dem anderen. Da wo ich herkomme, würden mehrere Familien auf soviel Platz verteilt wohnen. Das ist also Reichtum. Platz verschwenden.

In einem Zimmer haben sie voll viele Bücherregale. Und die sind vollgepackt mit Büchern. Ein paar so komische Sessel, wie ich sie ihn Filmen schon gesehen habe und mitten im Raum steht ein Billardtisch. „Spielst du Billard?“ „Manchmal… mit Freunden oder meinem Paps.“ Wir gehen weiter in das Wohnzimmer. Denke ich. Eine riesige Couch, eine Bar in einer Ecke und der grösste Fernseher, den ich ausserhalb eines Elektronikgeschäftes je gesehen habe. Auf derselben Etage ist noch ein Büro, da gehen wir aber nicht rein. „Das ist Tabu.“ meint Larissa. Wir gehen nach oben. Zwei Badezimmer, das Elternschlafzimmer, Zwei Gästezimmer und das „Atelier“ der Mutter. Sieht für mich aus wie ein Bastelzimmer. Aber Atelier klingt wohl einfach besser. Zu letzt zeigt mir Larissa ihr Zimmer. Damit kann ich was anfangen, denke ich. Ein Zimmer, dass auch meins sein könnte. Vorausgesetzt, ich wär ein Bonzenkind. Schicke Stereoanlage, ein Fernseher, Schrank, Regale, Pult, ein riesiges Bett und viele Poster an der Wand. „Hübsch.“ sag ich. „Gefällt dir mein Zimmer?“ fragt Larissa leicht verlegen. „Ja… Nur das mit dem Backstreet Boys Poster musst du mir noch erklären.“ ich lache. „Was denn? Darf ich nicht auch Backstreet Boys hören?“ sie grinst. „Klar. Du darfst die immer hören. Einfach nicht in meiner Gegenwart.“ Wir lachen.

„Larissa! Essen!“ ruft ihre Mutter hoch. Ich habe mich in der letzten halben Stunde wieder einigermassen entspannt, aber jetzt schiesst die Nervosität wieder rein. Ich werde gleich ihrem Vater begegnen. Ich bin nervös. „Hey, dein Vater… gibt es irgendwas, was ich auf keinen Fall sagen oder machen sollte?“ „Oh wie süss…“ Larissa grinst und kneift mich in die Backe. „Bist du etwa nervös? Ich dachte du bist immer so cool und gelassen… knuffig … mach dir keinen Kopf. Redet einfach nicht über Politik und Religion und sei einfach wie du bist. Komm jetzt.“ Wie ich bin? Wie bin ich denn? Darüber denke ich nach, während wir nach unten ins Esszimmer gehen. Ihr Vater sitzt am Tisch und mir stockt kurz der Atem, als ich ihn das erste Mal sehe. Fuck! Denke ich mir. Er sieht mich mit seinem strengen Blick an. „Na wen haben wir denn da?“ „Guten Abend… ich … ähm … ich hatte ja keine Ahnung…“ stammle ich. Larissa und ihre Mutter sehen uns fragend an. „Ihr kennt euch?“ „Seit über einem Jahr. Darf ich vorstellen, das ist Ben. Einer unserer Lehrlinge.“ Der Moment, wenn du an einem Ort bist, an den du gefühlt nicht hingehörst und realisierst, dass du die Tochter deines Chefs fickst… Jackpot.

Felis unterbricht das etwas peinliche Schweigen. „Setzt euch. Das Essen wird kalt.“

Das Essen bringe ich relativ angespannt hinter mich. Larissas Mutter hat sporadisch ein paar Fragen gestellt, die ich ihr kurz und knapp beantwortet habe. Ihr Vater und ich haben und konsequent ignoriert. Ein schrecklich ungemütliches Abendessen.

Ich ziehe es vor, nicht noch länger zu bleiben und verabschiede mich bei ihren Eltern und bedanke mich für den leckeren Braten. Larissa begleitet mich zur Türe. „Das haben wir doch halbwegs gut überstanden.“ Meint sie und lächelt. „Ja… überstanden.“ sag ich und versuche zu grinsen. „Sehen wir uns morgen?“ Ich nicke. Wir küssen uns zum Abschied und ich trotte los. „Ben! Warte kurz.“ ruft plötzlich ihr Vater hinter mir. Ich drehe mich um. Er schliesst die Haustüre hinter sich und kommt auf mich zu. „Hör zu, es tut mit leid, dass das etwas komisch war … ich war wohl genauso überrumpelt wie du … lass uns versuchen, Arbeit und privates zu trennen. Verstehst du was ich meine?“ Ich nicke. Auch wenn ich es nicht genau verstanden habe, was er mir versucht hat zu erklären. „Ich weiss, du bist ein guter Junge und Larissa mag dich anscheinend wirklich. Sie hat nur den besten Freund verdient, den es überhaupt geben kann … sei dieser Freund und alles ist gut.“ Ich schaue ihn an und nicke. Er gibt mir einen Klopfer auf die Schulter. „Komm gut nachhause.“ „Danke.“ Ich spaziere los. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das nett gemeint war oder ob er mir eine Drohung mit auf den Weg gegeben hat.

Eigentlich mochte ich reiche Menschen nie. Und jetzt habe ich plötzlich eine Freundin aus guten Haus. Eine Welt, in die ich irgendwie so gar nicht reingehöre. Dass sie die Tochter vom Chef ist, entspannt die Gegebenheiten auch nicht gerade. Toll… Und wie verklickere ich das jetzt den anderen, dass ich seit einer Weile den Feind date?

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