«Hallo Ben, komm oh mein Gott!» Frau Richard, mein Vormund, steht im Türrahmen zu ihrem Büro und schaut mich entsetzt an. «Wie siehst du denn aus? Geht es dir gut? … bitte sag mir nicht, dass du dich wieder geprügelt hast. Wir hatten das doch schon.» «Mir geht es gut.» auf den Rest reagiere gar nicht erst. «Komm, setz dich.» Sie zeigt auf einen der Stühle an ihrem Bürotisch und läuft zu einem kleinen Beistelltisch mit einem Krug Wasser und ein paar Gläsern. «Möchtest du ein Glas Wasser?» Ich schüttle den Kopf und setz mich. «Na gut … erzähl mal. Wo kommen die Blutergüsse in deinem Gesicht her?» Sie sieht mich mit einem ernsten Blick an. «Ist beim Skaten passiert.» «Beim Skaten?» Frau Richard schaut mich skeptisch an. Ich nicke. «Und das soll ich dir glauben?»

Was will sie hören? Dass es gestern eine Gruppenschlägerei gab am Bucheggplatz? Und dann? Dann hält sie mir wieder einen Vortrag darüber, dass ich aufpassen muss, damit ich nicht aus der Wohngruppe fliege, weil die sowas nicht tolerieren können. Dass ich eh schon mit einem Fuss auf der Strasse bin wegen anderen Geschichten und bla bla… Ja ich weiss… Ist mir bewusst… Aber was soll ich denn machen? Wir haben die Schlägerei nicht angefangen. Aber das glaubt uns sowieso wieder keiner. Denn wir sind die verhaltensauffälligen Heimkinder und die anderen die Normalen. Wir sind immer schuld. Egal ob wir was getan haben oder nicht. Und ausserdem waren wir wirklich Skaten am Irchel. Also nur indirekt gelogen, nicht? «Ja. Wir waren Skaten.» «Ok … ich sehe, du willst nicht reden, dann lassen wir das. Wenn du der Meinung bist, dass dir das weiterhilft. Ich möchte nur, dass du weisst was auf dem Spiel steht, wenn du dich nicht an die Auflagen für die Wohngruppe hälst. Die Konsequenzen sind dir bewusst, oder?» Ich nicke. Frau Richard notiert irgendwas auf einen Block, legt den Stift zur Seite und schaut mich fragend an. «Und was gibt es sonst Neues im Leben von Ben? … ausser den Hämatomen und Schürfwunden im Gesicht.» «Weiss nicht…» «Wie läuft es in der Berufsschule?» «Ganz ok.» «Ihr kriegt bald Zeugnisse. Du weisst, dass ich die auch bekomme. Gibt es etwas, das ich wissen sollte?» «Nope.» «Und am Arbeitsplatz? Alles in Ordnung? Am 24. fällt wieder ein Standortgespräch mit deinem Ausbildner an. Gibt es da Themen, über die du gerne sprechen möchtest?» «Nope.» «Und wie läuft es mit deiner Freundin … Vanessa? … seid ihr noch zusammen?» «Larissa. Ja sind wir. Wir denken darüber nach zusammenzuziehen.» «Du willst raus aus der Wohngruppe?» «Irgendwie schon. Ich meine… die ist schon ok. Aber irgendwie nerven mich die anderen.» «Wie nerven die dich denn?» «Daniela zickt die ganze Zeit wegen irgendwas rum, Yasmine blockiert dauernd das Bad und Sven… ist einfach ein Spasst.» «Ich dachte eigentlich, dass du gerne in der Wohngruppe wohnst. Hast du mal versucht mit deinen Mitbewohnern zu reden darüber?» «Worüber? Dass ich sie nicht mag und sie mir auf den Sack gehen? Nein. Hab ich nicht. Die wissen das schon … die Wohngruppe an sich ist ja sonst ganz ok … Besser als im Heim.» «Soll ich mir das notieren und bei der nächsten WG-Sitzung ansprechen?» «Nope. Passt schon.» Frau Richard notiert sich wieder irgendwas. «Haben du und Vanessa denn schon konkrete Pläne bezüglich des Zusammenziehens?» «Larissa. Eigentlich schon. Aber wir haben noch keine Wohnung gefunden und ich muss von ihnen ja noch die Erlaubnis bekommen dann. Oder einfach ein Jahr warten, bis ich 18 bin.» «Wie wollt ihr euch denn eine Wohnung leisten? Dein Ausbildungslohn reicht da wohl kaum aus. Und sie? Verdient sie genug für eine Wohnung?» «Sie verdient gar nichts. Sie geht zur Schule und will dann an die Uni.» «Also ihr habt kein Geld, wollt aber eine Wohnung? Vielleicht solltet ihr das noch einmal überdenken. Meinst du nicht?» «Ich habe nachgefragt. Solange ich in Ausbildung bin, bekomme ich ja noch das Geld für meine Fixkosten und so. Auch wenn ich in eine private Wohnung umziehe. Das ist nicht sonderlich viel, aber reicht für ein paar Dinge. Für die Miete haben wir einen Deal mit ihrem Vater. Er übernimmt den Mammutanteil und ich steuere einen kleineren Teil zur Miete bei. Als Gegenleistung helfe ich ihm, den Garten umzugestalten diesen Sommer.  Und nächstes Jahr bin ich fertig mit der Ausbildung. Dann verdiene ich ja wohl etwas mehr. Dann wird ein neuer Plan gemacht.» Sie schaut mich verblüfft an. «Du hast dir ja wirklich Gedanken gemacht und geplant.» Ich nicke. «Gut Ben. Wenn das wirklich so funktionieren wird, hast du von meiner Seite grünes Licht … Ich sehe mich mal ein bisschen um wegen Wohnungen. Ist es möglich, dass ich mich mal mit ihrem Vater unterhalten kann? Nicht, dass ich dir nicht glaube, aber ich muss mich absichern, damit ich dich guten Gewissens ausziehen lassen kann.» «Klar doch. Reden sie mit ihm doch einfach am 24. darüber.» Frau Richard schaut mich etwas verdutzt an. «Am 24.?» «Jap. 24. … Sie erinnern sich? … Das Standortgespräch? … Mein Chef? … ist Larissas Vater.» «Oh… das wusste ich nicht.» Sie notiert wieder irgendwas. «Na jetzt wissen sie es ja. … kann ich dann gehen?» Frau Richard nickt. «Dann bis in 2 Wochen.» Ich stehe auf und gehe aus dem Büro. «Ben. Warte!» Ruft sie mir nach. «Wir müssen noch einen Termin abmachen für deine Buchhaltung.» «Ach.. ich bringe ihnen meine Einzahlungsbelege einfach am 24. mit.» «Nein Ben. So geht das nicht.» Den Rest von dem was sie sagt, höre ich nur noch als Gemurmel, weil ich gerade die Türe schliesse und schnell durch den Flur ins Treppenhaus gehe, bevor sie mir nachkommt.  

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