#31 Gänseblümchen

„Hast du eine neue Hose?“ frage ich Edona, die sich gerade an den Frühstückstisch setzt. „Ja. Die ist toll, oder? … Mama Ria hat die mir gegeben. Wo ist denn eigentlich Jasa?“ fragt sie, während sie auf den leeren Platz neben mir sieht.

„Der hat sein Frühstück runtergewürgt und versucht jetzt im Zimmer noch die Hausaufgaben fertig zu kriegen … das sind wirklich coole Hosen … hast du da eine Tasche am Bauch?“ „Ja.“ Edona steht auf und kommt um den Tisch zu mir. „Kuck.“ Sie öffnet die Brusttasche an ihrer hellblauen Jeanslatzhose. „Und die kann ich mit einem Reissverschluss zumachen.“ Sie zieht zur Demonstration ein paar mal die Reissverschlüsse an den Hosentaschen hoch und runter. Sie sieht mich mit ihren grossen Augen und einem Lächeln an. „Die ist super! … Mama Ria ist einfach die Beste.“ Edona setzt sich wieder auf ihren Stuhl und macht sich ein Müsli zurecht. „Ja, Mama Ria ist wirklich die beste.“ bestätige ich.

„Wir sollten ihr Schokolade oder Blumen schenken.“ meint Edona. „Schokolade oder Blumen?“ „Ja … sie hat mir mal gesagt, dass wenn man jemanden ganz doll mag, schenkt man ihm Schokolade oder Blumen?“ „Ah.. ok.“ Ich denke kurz nach. „Aber.. ich hab gar kein Geld um Schokolade oder Blumen zu kaufen.“ Edona winkt ab. „Ich doch auch nicht. Aber wir könnten ja Blumen pflücken für sie.“ Ich nicke. „Wir haben doch frei am Nachmittag. Lass uns am Mittag nach der Schule welche pflücken und sie ihr am Nachmittag geben.“ Edona nickt und grinst.

Ich esse mein Müsli auf und rücke meinen Stuhl vom Tisch weg. „Ich geh mal Zähne putzen. Bis später.“ „Bis dann.“ antwortet Edona. Ich steh auf, nehme mein Tableau mit meinem Geschirr und bringe es in die Küche. Mein Geschirr abgeladen, gehe ich den Flur entlang zum Bad. Ich kram gerade meine Zahnbürste aus meinem Kulturbeutel, da kommen Yanik und Pascal ins Bad. „Na, Benny Bunny.“ sagt Yanik und schubst mich. „Lass mich in Ruhe. Ich will doch nur Zähne putzen.“ „Das ist aber mein Spülbecken.“ meint er und schubst mich erneut. Etwas doller als vorhin. „Dann geh ich halt an ein anderes.“ Ich packe meinen Beutel und stell mich vor das nächste Becken. „Nein, nein. Da darfst du auch nicht.“ Er schubst mich wieder und ich falle rücklings zu Boden. Ich versuche den Sturz mit meinen Händen abzufangen. Beim Aufprall fängt meine linke Hand an zu schmerzen. Ziemlich fest. Ich zieh sie nach vorne und schau sie mir an. Sehen kann ich nichts, aber die Schmerzen werden stärker und ich kann sie kaum bewegen. So sehr ich mich vor den 2 älteren Jungs auch versuche zusammenzureissen, drücken mir trotzdem Tränen aus den Augen. „Oh.. muss das kleine Baby jetzt weinen?“ Yanik und Pascal machen so komische Gesten vor ihren Augen. „Haut ab! Lasst mich in Ruhe!“ Die beiden äffen mich noch nach und verschwinden dann lachend aus dem Bad.

Ich stehe auf und mir ist leicht schwindelig. Langsam gehe ich in Richtung Küche. Ich suche Mama Ria und finde sie auch. Ich erzähle ihr was passiert ist. Sie sieht sich meine Hand an „Das müssen wir einem Arzt zeigen. Ich seh mal, wer dich da hin bringen kann.“ sagt sie während sie ein Glas Sirup aufgiesst. „Hier Ben. Trink das. Ich bin gleich wieder da.“

Ich stehe in der Küche und nippe an meinem Getränk, als Mama Ria wieder zurückkommt. „Ok Ben. So wie es aussieht, gehe ich mit dir zum Arzt. Komm.“ Sie legt mir eine Hand um die Schulter, ich stelle mein Glas auf den Tisch und wir gehen los.

Mittlerweile bin ich wieder auf dem Weg zurück ins Heim. Das dauerte da ewig. Meine Hand wurde geröntgt. Der Arzt hat mir das Bild gezeigt und mir erklärt, wo der Bruch ist. An der Handwurzel. Eine der Frauen da, hat mir eine Schiene mit einem Gips gemacht. Sofia, eine unserer Betreuerinnen kam irgendwann, um Mama Ria abzulösen. Sie muss ja das Mittagessen machen für uns.

Ich spaziere mit ihr gerade in Richtung Türe vom Heim, da sehe ich, dass Edona vor dem Eingang auf einer Stufe sitzt. Ich renne zu ihr hin. „Oh Ben! Geht es dir gut? Wirst du wieder gesund?“ sie wirkt etwas bedrückt. Ich nehme sie kurz in den Arm. „Ja, das wird schon wieder. Ist gebrochen. Aber in ein paar Wochen ist alles wieder gut, hat der Arzt gesagt.“ Edona lächelt mich an „Dann bin ich froh.“ In dem Moment sehe ich, dass sie einen Strauss mit Gänseblümchen in der Hand hält. „Oh.. tut mir leid, dass wir die nicht zusammen pflücken konnten … sollen wir sie gleich Mama Ria bringen?“ Edona sieht mich leicht verlegen an. „Nein.. die..“ sie streckt mir die Blumen hin. „Die sind eigentlich für dich.“