#35 Ich hasse die Welt

„Was ist denn los Bra?“ Jasa ist gerade in unser Zimmer gekommen und sieht mich auf meinem Bett in der Ecke sitzen, wie ich versuche meine Tränen zu unterdrücken. Er kommt an mein Bett und setzt sich auf die Kante. „Jetzt sag schon. Was ist mit dir?“ Er sieht mich fragend an.

„Ich hasse die Welt … und die Welt hasst mich.“ Er sieht mich einen kurzen Moment einfach nur an. „Denk an was schöneres Bratan.“ meint er dann und gibt mir einen leichten Box gegen mein Bein. „Das ist doch alles scheisse … Siehst du das nicht auch bisschen so?“ will ich von ihm wissen. Sein Blick wandert auf meine Bettdecke. „Ja.. doch. Schon.“ sagt er, während er an der Decke rumspielt. „Aber ich denke auch, dass es nichts bringt, sich darüber zu viele Gedanken zu machen … wir wurden halt mal in diese Welt geschissen und keiner will uns so wirklich … damit müssen wir uns abfinden. Wir sind hier in dieser Scheisse gelandet ohne das wir das wollten … Wir müssen das Beste daraus machen, oder?“ Er blickt wieder hoch und sieht mich an. „Ja schon. Aber ich.. ich kann diese Gedanken und Gefühle einfach nicht immer kontrollieren … manchmal kommt das einfach so hoch und ich kann nichts dagegen machen … nur warten, bis es wieder vorbeigeht … verstehst du?“ Jasa nickt. Er rückt näher an mich ran und nimmt mich in den Arm. „Du bist nicht alleine, ja … komm, wir gehen an die frische Luft.“ Er hält meinen Unterarm fest, steht auf und zieht mich in Richtung Bettkante. Ich setze mich kurz an diese und atme ein paar Mal tief durch, bevor ich mir die Schuhe anziehe, die neben dem Bett liegen. Ich stehe auf und gehe zum Schrank, nehme meinen schwarzen Hoodie raus, zieh ihn mir über und krame dann hinter meinen Shirts nach meinen Kippen. „Mist.. hast du mein Feuerzeug gesehen?“ frage ich Jasa, während ich weiter zwischen meinen Shirt rumwühle. „Nicht wirklich. Aber ich hab eins.“ antwortet er mir.

Ich höre auf zu suchen, schliesse die Schranktüre und drehe mich in Richtung Jasa. Er holt eine Packung Papes aus seiner Hosentasche, fuchtelt damit vor meinem Gesicht rum und grinst. Ich zieh mir meine Kapuze über den Kopf und nicke ihm zu. „Ja, lass ein bauen.“

Wir gehen aus dem Zimmer und schlendern über den Flur in Richtung Treppenhaus. Nach ein paar Metern läuft uns David über den Weg. So ein Prototyp-Arschloch. Er ist der Älteste von uns hier. Das ist wohl mit ein Grund, dass er denkt, der Laden hier gehört ihm. Er und seine Kumpels hier, sind die, vor denen man kuschen sollte, wenn man sich das Leben hier drin nicht noch schwerer machen will, als es ohnehin schon ist. Er ist etwa ein Jahr älter als wir. Was zum Glück bedeutet, dass er bald ins Lehrlingsheim oder eine Wohngruppe kommt. Aber bis dahin müssen wir uns eben leider trotzdem noch mit dem Holzkopf auseinandersetzen. Wir schauen also auf den Boden und wollen einfach nur unauffällig an ihm vorbeischleichen. Ohne Erfolg. „Hey ihr Spassten.Wo wollt ihr denn hin?“ fragt er, während er sich uns in den Weg stellt. „Nirgends. Lass uns einfach durch, Bitte.“ antworte ich ihm und versuche neben ihm weiterzugehen. „Ich will wissen was ihr vorhabt!“ keift er und hält mich an meiner Schulter zurück. Ich schlage seine Hand weg. „Fass mich nicht an!“ ich unterdrücke es ihn anzuschreien. Da ist dieser Druck, der aus meinem Bauch über meinen Brustkorb in mir hochsteigt. Ich balle meine Fäuste. „Hast du mich gerade geschlagen, du kleiner Spasst?“ Er lacht kurz laut auf und verfällt sofort wieder in einen ernsten, aggressiven Ton „Du weisst wohl noch immer nicht, wem du dich hier zu beugen hast du Spasst.“ sagt er, während er mich an meinem Hoodie packt und nah an sich ran zieht. Jasa geht dazwischen und drückt ihn von mir weg. „Chill mal Alter. Lass uns einfach gehen, ja.“ David lacht wieder. „Ihr dämlichen kleinen Wichser. Ihr seid so peinliche Luschen.“ Er spuckt mir vor die Füsse. Es reicht. Ich gebe dem Druck nach und verpasse ihm eine gestreckte Faust in sein Gesicht. Er torkelt einen Schritt zurück und prallt gegen die Wand hinter ihm. Ich sehe wie er wütend wird. David stellt sich wieder aufrecht hin, bewegt sich auf mich zu und holt zum Schlag aus, aber Jasa springt ihn an und rammt ihm sein Knie in den Magen. Er beugt sich nach vorne in meine Richtung und ich verpasse ihm noch einen Haken. Jasa tritt ihm in die Kniekehle. Er sackt zu Boden. Ich blicke kurz den Flur entlang, weil sich eine Zimmertüre geöffnet hat. Der kleine Jonas streckt seinen Kopf raus und sieht uns entsetzt an. Ich suche seinen Blick. Als er mich ansieht, halte ich mir einen Zeigefinger vor die Lippen um ihm zu verstehen zu geben, dass er gefälligst nicht petzen soll. Er nickt mir zu. Jasa stupst mich an. „Komm.“

Wir gehen durchs Treppenhaus runter und raus auf die Strasse. 

„Das wird Ärger geben … dämlicher Kurac.“ meint Jasa. Ich nicke. „Ja .. hast du mal Feuer?“ Jasa kramt das Feuerzeug aus der Tasche und hält es mir hin. „Danke.“ Ich zieh eine Zigarette aus meiner Schachtel, steck sie mir an und halte Jasa meine Kippenschachtel und sein Feuerzeug hin. Er nimmt sich ebenfalls eine raus und zündet sie an. Ich nehme einen tiefen Zug und lasse den Rauch langsam wieder aus meiner Lunge gleiten. „Ich hasse diese Welt.“