Na, ihr Pimmler..

Am Bahngleis neben mir stand gerade ein Mädel mit einem roten Pullover.
Ich gebe zu, das ist jetzt nichts Besonderes.
Auf dem Pulli hatte sie einen Aufdruck.
Che Guevara.
Klassisch, wie man es kennt.
Ich habe aber schon länger niemanden mehr gesehen, der damit rumläuft.

Automatisch musste ich an früher denken.

Ernesto Rafael Guevara de la Serna

war eigentlich nicht zwingend die Art von Mensch, den man bedenkenlos ikonisieren sollte.
..und trotzdem hatte auch ich mal ein Shirt mit seiner Fresse drauf.

Ja, ich war auch mal jung.
Leicht beeinflussbar.
Und dumm.
..vor allem dumm.

Was ich eins Scheisse gebaut hab.

Andere formulieren das immer so wohlwollend.
Ich könnte es auch einfach romantisieren und von jugendlichem Leichtsinn sprechen.
Soziokulturellen Gegebenheiten, die solche Dinge quasi schon von einem forderten.

Aber mal unter uns.
Es war zum grössten Teil wirklich nur Dummheit.
Hab halt nicht nachgedacht.

Obwohl ich das meinem damaligen Ich wohl nicht sagen könnte.

Der würde was faseln von Fuck the System, wenn sich keiner um uns kümmert, kümmern wir uns halt selbst um uns und was für Scheisse ich damals noch so gelabert hab.

Es war ja nicht per se falsch.
Hatte halt aber keine Substanz.
Und erst recht war die Einstellung nicht mal im Ansatz fundiert.

Wir haben mit schlauen Zitaten, von schlauen Menschen um uns geworfen.
Aber wir waren halt zu blöd und zu faul, die dazugehörenden Werke auch zu lesen.
..geschweige denn zu verstehen.

Klassisches, indoktriniertes, juveniles Zugehörigkeits- und Positionierungsgedöns.

Drogen reinpfeifen und den Staat verfluchen.
Wände bemalen und A.C.A.B. propagieren.
Autoradios klauen und den Kapitalismus hassen.
Sich mit andern prügeln, weil sie nichts in «deinem» Teil der Stadt verloren hatten.

Hauptsache gegen alles und von niemandem was sagen lassen.

Urbanes Hörner abstossen?

Die zu Grunde liegenden Mechanismen sind sicher bei den meisten Jugendlichen dieselben.
Wie sie sich zeigen ist wohl einfach unterschiedlich.
Und die umsetzbaren Optionen sind wohl auch nicht überall dieselben.

Wir hatten Zeit.
Wir hatten Möglichkeiten.
..zu viele Möglichkeiten.

Und wir waren alle zu dumm, um etwas Sinnvolles daraus zu machen.

Irgendwie drehte sich alles nur darum, wie man möglichst wenig Zeit für Schule und Ausbildung aufbringen musste, um möglichst viel Zeit mit Unsinn zu verbringen.

Lernen wie man was anstellen muss, um nicht unterzugehen.
Sich um sich selbst «kümmern».

Permanent wütend, traurig, enttäuscht und gestresst.
..irgendwie.

Dauernd auf der Flucht vor der Realität.

Und dann?

Irgendwann wurde ich älter.
..hat sich so ergeben.
..proaktiv habe ich eigentlich eher in die andere Richtung gelenkt.

Und was ist heute anders?

Alles.
Oder auch nicht?

Man wurde halt entspannter.

Ich polier nicht mehr jedem gleich die Fresse, wenn er mich nervt.
..besser ist das. Sonst käme ich zu gar nichts mehr.

Es ist mir egal, was andere von mir denken.
Während ich das früher sehr oft einfach gesagt habe, stimmt das heute wirklich.

Drogen nehme ich keine mehr.
..Lüge!
..aber es ist nicht annähernd mehr so oft und so viel.

Die schlauen Bücher verstehe ich mittlerweile und hinterfrage sie.

Im Allgemeinen bin ich viel ruhiger geworden.
Mein Leben ist viel ruhiger geworden.

Ich bemale keine Züge mehr.
Meine Bilder sind nur noch auf Papier, in meinem iPad, zieren Flyer, Homepages oder dienen als Tattoo-Vorlagen.

Ich behaupte nicht, dass ich mein Leben voll im Griff, strukturiert und durchgeplant habe.
Aber wenn das Leben ein Spiel ist, gehöre ich so langsam zu den Pro Gamern, die sich im End Game Content austoben.

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