„Jasa verpisst sich nach L.A. für einen Austausch und du hängst nur noch in St. Gallen … irgendwie verlieren wir uns alle gerade Ben…“ Edona starrt in ihre Kaffeetasse und scheint nicht mehr aufzuhören mit umrühren. „Was soll das heissen, wir verlieren uns? … Jasa ist 6 Monate weg. Klar, das ist schon lange, aber das geht doch auch rum irgendwie. Ausserdem gibt es doch Mail, Telefon, Facebook und so. Das geht schon.“ Edona hebt ihren Kopf und sieht mich an. „Das ist nicht dasselbe. Er wird mir trotzdem fehlen … Und du bist ja auch kaum noch hier.“ „Ich bin doch unter der Woche eigentlich immer hier.“ „Ja unter der Woche. Aber du gehst kaum noch raus und an den Wochenenden bist du praktisch immer weg. Ich seh dich kaum noch.“ Ihrer Stimme schwingt ein trauriger Unterton mit. „Du weisst doch, dass ich dauernd in eine Scheisse gerate, wenn ich hier bin. Diese Stadt ist ein Moloch von dem ich mich immer wieder runterziehen lasse … ich versuch doch nur mein Leben irgendwie sauber zu kriegen.“ „Und das kannst du nur in St. Gallen oder was?“ Sie sieht mich fragend an. „Gibt bestimmt auch andere Orte … aber da passt es halt gerade irgendwie.“ „Was ist denn dort besser als hier?“ „Nicht viel. Ehrlich gesagt ist das meiste sogar schlechter als hier … Aber es ist friedlich. Mich kennt da keiner. Bis auf 2, 3 Leute. Ich kann da quasi bei Null anfangen. Kein Ärger. Keine Altlasten die ich dauernd mit mir rumschleppen muss. Ich muss nicht dauernd angespannt durch die Gegend laufen, weil jederzeit irgendeine Scheisse passieren kann … Ich bin da einfach frei. Und das fühlt sich voll gut an. Mein Neuanfang…“ Edona schaut mich skeptisch an. „Das denkst du wirklich oder? … Glaubst du, dass du einfach alles hinter dir lassen kannst und ein neues Leben anfangen kannst? Versteh mich nicht falsch. Ich will ja schon lange, dass du dein Leben in den Griff kriegst. Aber das hat hier auch nicht funktioniert. Immer kam was dazwischen. Meinst du, du kannst dort einfach so tun, als wärst du nicht du? Als wär dort dann plötzlich alles anders?“

Was, wenn das stimmt? Was, wenn es wirklich nicht an dieser Stadt liegt sondern nur an mir? Ziehe ich die ganze Scheisse einfach mit mir mit? Nein. Das kann nicht sein. Das darf nicht sein. „Ja … es muss einfach. Es fühlt sich richtig an.“ „Wenn du meinst… Das denkst du aber jetzt nicht nur wegen deiner neuen Freundin oder?“ Meint Edona schnippisch. „Was? Welche Freundin?“ „Tu jetzt nicht so. Jasa hat mir erzählt, dass du so eine St. Galler Tusse kennengelernt hast.“ „Bist du etwa eifersüchtig? … Erstens ist sie nicht meine Freundin und Zweites ist sie keine St. Gallerin, sondern eine Appenzellerin und Drittens … warum muss ich mich eigentlich rechtfertigen?“ „Schon gut … du musst nicht rechtfertigen warum du uns einfach den Rücken zuwendest.“ „Du gönnst mir nicht, dass ich es geniesse, dass mein Leben endlich mal etwas abbremst? … ich wende niemandem den Rücken zu. Das bedeutet doch alles nicht, dass ich euch, dich nicht mehr in meinem Leben will. Nur weil sich die Wege etwas ändern, heisst das nicht, dass ich nichts mehr mit dir zu tun haben möchte. Du weisst genau wie wichtig du mir bist.“ „Und doch verlässt du mich für die Schlampe? Wie soll ich das verstehen?“ Edona dreht sich seitlich ab und starrt die Wand an. „Das denkst du? Ich verlasse dich? Du weisst, dass das nicht stimmt … Wer ist letztes Wochenende in der Nacht sofort los um zu dir zu kommen, weil es dir scheisse ging? Wer telefoniert oder schreibt mit dir stundenlang, weil du reden möchtest? … und du weisst, dass ich das grundsätzlich nicht mag. Das tu ich nur für dich.“ Sie ignoriert mich und starrt weiter an die Wand. „Du redest also jetzt nicht mehr mit mir? … ok. Dann kann ich ja gehen … meld dich, wenn du dich wieder eingekriegt hast.“ Etwas angepisst von ihrer Gezicke stehe ich auf, schiebe meinen Stuhl an den Tisch, nehme meinen Rucksack und gehe zur Haustüre. Beim Rausgehen höre ich nur noch ein „Viel Spass mit der Bitch!“.

Ich kapier nicht ganz was hier los ist. Und vor allem ist Lara keine Schlampe. Sie ist ein grossartiges Mädchen. Würde sie verstehen, wenn sie sie kennen würde. Ein gutes. Ein anständigeres als viele die ich so kenne. Sie ist nett, witzig und wunderschön. Es fühlt sich gut und richtig an, Zeit mit ihr zu verbringen. Sie kommt aus einer ganz anderen Welt. Eine Welt in der ich auch gerne sein möchte. Wenn ich bei ihr bin, bin ich glücklich. Das darf ich doch auch sein oder? Jasa hat mir letzte Woche schon gesagt, dass ich mich wohl verliebt habe. Langsam glaube ich das auch. Das ist sie also? Diese Liebe? Ich dachte, ich wär auch schon verliebt gewesen. Hab mich wohl geirrt. Musste ich wohl erst ein kleines, freches Appenzellerchen treffen um das zu erfahren.

Morgen seh ich sie wieder. Sollte ich ihr gestehen, was ich für sie empfinde?

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