#24 behinderte Hasen und Engel

Ich steh im Bad und schau mir im Spiegel beim Zähneputzen zu. Jasa läuft hinter mir durch und begrüsst mich mit einem leichten Hieb auf den Rücken mit seinem Handtuch. Er drängt mich etwas zur Seite und stellt sich neben mich an die Spüle und kramt in seinem Kulturbeutel rum. Ich grüsse mit einem Box auf seinen Oberarm zurück.

„Na, was machen wir heute Ben?“

„Ich dachte, Badehose anziehen, BMX schnappen, einfach mal bisschen rumwuseln in der Stadt und sehen was der Tag so bringt.“

„Also dasselbe wie gestern …. klingt gut.“ Jasa grinst.

Ich spucke die Zahnpasta ins Becken, wisch mir den Mund ab und schlendere los, den Flur entlang in Richtung von unserem Zimmer.

In diesem angekommen zieh ich mich an. Es klopft an der Türe. Mit einem „Ja?“ antworte ich. „Ich bins. Kann ich reinkommen?“ Ruft Edona durch die Türe. Ich entgegne mit einem knappen „Klar“. Die Türe öffnet sich und Edona betritt den Raum. „Habt ihr schon gefrühstückt?“ „Ja.“ „Warum habt ihr denn nicht auf mich gewartet?“ Sie sieht mich fragend an. „Wie? Du hast doch vor uns schon gegessen. Dein Set war nicht mehr da.“ „Ach, ich habe doch nur vergessen meinen Platz zu decken gestern Abend.“ „Oh.. na, das wussten wir ja nicht. Sorry… aber da du ja gerade hier bist, müssen wir dich jetzt nicht mehr suchen. Kommst mit uns raus?“ In dem Moment kommt Jasa ins Zimmer. „Oh.. Guten Morgen Schwesterherz… du warst ja früh essen heute.“ „Guten Morgen… war ich gar nicht. Habe nur vergessen meinen Platz zu richten..“ „Ah. Hey kommst mit uns raus?“ „Klar! Was habt ihr denn vor?“ „Wir dachten, Badehosen anziehen und einfach mal bisschen rumfahren und kucken.“ „Also dasselbe wie gestern?“ „Genau!“ Wir müssen alle lachen.

Zugegeben, unser Sommerferienprogramm klingt langweilig, ist es aber nicht. Wir sind 14, die Sonne scheint, wir kennen jede Ecke an der man Eis bekommt, wir haben Flüsse und den See … und wir haben einen Ghettoblaster. Uns gehört die Welt!

„Yo! in 5 Minuten draussen am Tor?“ fragt Jasa in die Runde. „10.“ meint Edona und verschwindet aus dem Zimmer.

Jasa und ich fahren vor dem Tor auf und ab. Wir warten noch auf Edona. Von wegen 10 Minuten.

Ich übe einen Bunny Hop hinzukriegen mit meinem Bike. Das heisst, ich kann ihn eigentlich, aber das Vorderrad zieh ich immer viel weiter hoch als das Hinterrad. Jasa kann das viel besser als ich. Bei mir ist das eher ein leicht gehbehinderter Hase. Naja…

Endlich kommt Edona. „Was hat denn da so lange gedauert?“ will Jasa von ihr wissen. „Ist das wichtig? … wir können jetzt ja los.“ antwortet sie und streckt ihm die Zunge raus. „Darf ich bei dir mitfahren?“ Edona schaut mich an und grinst. Ich nicke und grinse zurück.

Sie setzt sich bei mir auf den Lenker und wir fahren los.

„Limmat?“ ruft Jasa, während er uns überholt. „Ok!“ ruf ich ihm nach.

Wir fahren durch die Quartierstrassen in Richtung Fluss.

Wie die Seehunde liegen die anderen Badegäste zusammengerottet am Ufer und sonnen sich. Ein Haufen Leute, viele Kinder die rumtoben, ein paar ältere Frauen die sich oben ohne bräunen und ein paar alte Säcke die allen jungen Frauen nachgaffen. Ok, ich kuck mir die nackten Brüste die hier rumliegen auch an. Aber im Gegensatz zu den alten, schäme ich mich wenigstens und kuck immer wieder auf den Boden.

Wir haben eine Ecke am Rand der Masse gefunden und setzen uns unter einen Baum. Es ist warm und es duftet nach den Würsten vom Grill der kleinen Imbissbude in der Nähe.

„Hat wer von euch bisschen Geld dabei? Ich hab nur 2.- dabei. Das reicht nicht für ein Eis für alle.“ Meint Edona. „Ich ab gerade eh keine Lust auf Eis. Ich spring mal ins Wasser.“ Antwortet ihr Jasa. „Warte, ich hab noch was.“ Ich kram ein paar Münzen aus meinem Rucksack. „Hier.“ ich strecke ihr mein Kleingeld hin. „Oder soll ich mitkommen?“ Edona nimmt die Münzen aus meiner Hand. „Nein, ich bring dir eins mit.“ Während Edona weggeht, zieht Jasa sein Shirt und die Schuhe aus, wirft alles auf den Boden und rennt nach einem „Bis gleich!“ in Richtung Fluss.

Ein paar Minuten später sehe ich Edona zurückkommen. Sie hält zwei Raketen in der Hand. Die Sonne scheint ihr in den Rücken. So in Licht gehüllt scheint sie zu leuchten.

Ich habe nicht wirklich Ahnung von Engeln, aber ungefähr so müssen die aussehen, denke ich.