#27 So ein Zuckerwasserkuchen

„Ich hab lust auf was Süsses.“

Edona und ich sitzen am Limmatufer. Sie liest eine Zeitschrift und ich male auf meinem Zeichenblock rum.

„Dann lass uns was holen … Kiosk?“ frag ich sie. „Nein. Eher was kuchiges oder so.“ „Wir könnten Baklava holen bei Esra.“ „Oh ja! Baklava!“ Edona springt freudig auf. „Komm schon Ben.“ sie hüpft ungeduldig vor mir rum. Ich muss lachen. „Ich komm ja schon.“

Ich verstaue meine Malsachen im Rucksack und wir gehen los, in Richtung Niederdorf.

Auf der Höhe vom Platzspitz bleibt Edona stehen und hält mich am Arm fest. „Warte mal Ben … siehst du das Mädchen da?“ Ich drehe meinen Kopf in Richtung Park.

Ich mag diesen Park nicht. Da gibt es voll viele Junkies. Das sind komische Menschen und ein paar von denen machen mir bisschen Angst. Darum schaue ich eigentlich nie in den Park, wenn ich da vorbeikomme.

„Ja, seh ich … meinst du, sie hat sich verlaufen oder so?“ Edona zuckt mit den Schultern. „Fragen wir sie doch einfach mal.“ Edona nimmt meine Hand und wir gehen rüber zu dem Mädchen.

„Hey… hast du dich verlaufen?“ Das Mädchen sieht uns fragend an. „Nein.“ „Okay… und was machst du dann hier?“ fragt Edona. „Ich warte auf meine Mama.“ antwortet ihr das Mädchen. „Deine Mama lässt dich hier vor dem Park warten? … ihr seid wohl nicht von hier. Dann wüsste sie, dass sie dich nicht ausgerechnet vor diesem Park alleine warten lassen sollte.“ sag ich ihr. Das Mädchen blickt auf den Boden und ihre Stimme wird leiser. „Meine Mama ist da drin.“

„Oh man… tut mir leid… das wusste ich nicht.“ entschuldige ich mich.

Edona unterbricht die Stille. „Ich bin Edona … der Vogel hier heisst Ben. Und wie heisst du?“ Edona schubst mich leicht und lacht. Das Mädchen lächelt auch. „Ich heisse Isabelle.“ „Und wie alt bist du?“ fragt Edona weiter. „Ich bin 11… und ihr?“

„Ich bin auch bald 11.“ antwortet Edona. „Ich bin schon 11.“ sag ich und gebe Edona den Schubser von eben grinsend zurück.

„Hey, wir waren eigentlich gerade auf dem Weg um uns Baklava zu holen. Magst mitkommen?“ Isabelle sieht mich fragend an. „Was ist Baklava?“ „hmm… Zuckerwasserkuchen.“ „Zuckerwasserkuchen?“ sie sieht uns verwundert an. „Jap… Zuckerwasserkuchen passt.“ meint Edona nickend. „Das klingt interessant … aber ich kann hier nicht weg. Wenn meine Mama wieder kommt und ich nicht da bin, ist das nicht gut.“ Sie sieht betrübt auf den Boden.

„Weisst du was. Wir bringen dir einfach welches mit.“ Isabelles Blick wandert wieder hoch und sie lächelt uns an. „Danke.“ „Ach, kein Ding. Bis gleich … komm Ben.“

Wir gehen los und holen unser Baklava bei Esra. Seine Frau und er haben eine kleine Imbissbude im Niederdorf. Esra ist ein Freund von Onkel Jan. Wir gehen öfter mal bei ihnen essen. Sie sind immer voll nett und wenn wir ohne Onkel Jan da sind, müssen wir meistens viel weniger bis gar nicht bezahlen. Esra ist auch sowas wie ein Onkel oder so.

Ausgerüstet mit Baklava gehen wir zurück zum Platzspitz.

„Wo ist sie denn hin?“ Edona und ich sehen uns um. Weit und breit keine Isabelle zu sehen. „Vielleicht ist sie im Park.“ meint Edona. „Vielleicht… aber ich will da nicht rein.“ „Ich auch nicht.“

Wir sehen uns noch ein paar Minuten um und warten, ob sie nicht doch noch plötzlich wieder auftaucht.

„Komm Ben.“

Wir spazieren zum Bahnhof und setzen uns auf eine Bank.

Edona öffnet die kleine Kartonschachtel und nimmt ein Stück raus. „Schade… jetzt weiss sie noch immer nicht, wie lecker Zuckerwasserkuchen ist.“ sie grinst. Ich greife auch in die Box. „Sie tut mir leid.“ „Wegen dem Baklava?“ „Nein. Wegen ihrer Mutter.“ Ich sehe Edona an, dass sie nachdenkt. „Ben… Wenn wir gross sind… lass uns niemals so werden.“ „Versprochen.“