#37 Scheiss Stadt

„Bleb stehen du Wichser!“ schreit Goran mir nach, während er mich verfolgt. Ich renne in Richtung Schönegg und er ist mir dicht auf den Fersen. Ich habe kein konkretes Ziel, ich versuche ich ihn bloss irgendwie abzuhängen. Sieht schlecht aus. Denn mir geht langsam die Puste aus. Ein Schlag von hinten zwischen meine Schulterblätter und ich stolpere gegen ein geparktes Auto. Plan B. Da muss ich jetzt wohl. Ich drücke mich vom Wagen weg und drehe mich zu Goran um. Dieser springt mich direkt an. Ich knalle rücklings gegen das Auto und er rammt mir sein Knie in den Bauch. „Du verdammter Hurensohn!“ keift er mich an. „Was … was soll die Scheisse eigentlich?“ ich presse die Frage raus um Zeit zu gewinnen, dass sich mein Zwerchfell wieder etwas entspannt und ich wieder zu Luft komme. „Wir haben euch schon hundert Mal gesagt, dass das unser Club ist und ihr Hurensöhne dort nichts verloren habt!“ brüllt er mich an, während er mich loslässt und sich vor mir aufbaut. „Erklär das doch mal lieber den Bouncern, die uns reingelassen haben.“ „Ich finde nicht, dass du gerade in der Position bist um frech zu werden.“ Er greift in seine Jackentasche, zieht ein Butterfly raus, schwingt es locker aus dem Handgelenkt und stürzt sich wieder auf mich. Er ist über mich gebeugt, drückt die Klinge an meinen Hals und flüstert mir ins Ohr. „Ich habe dich und deinen Kumpel sowas von satt! Nenn mir einen guten Grund, warum ich dir nicht hier und jetzt deine scheiss Kehle aufschlitzen sollte?!… ich würde der Welt einen gefallen tun … ein Hurensohn weniger!“

In diesem Moment schiesst mir so einiges, völlig wirr durch den Kopf. War es das jetzt? … Ich kapier ja, dass er mich nicht leiden kann … Würde ich mich an seiner Stelle ja auch nicht … Aber mich umbringen deswegen? … Klar, ich hab ihn ins Krankenhaus geprügelt. Aber seit dem habe ich von ihm und seinen Jungs, bei jeder Gelegenheit die sich ihnen bot, auf die Fresse gekriegt … Und dass ich letzten Sommer mal mit seiner Freundin rumgemacht habe, dass ist doch auch kein Grund … Die Geschichte ist ewig her. Ich spüre, wie er die Klinge fester an meinen Hals drückt. „Na, ist dir ein guter Grund eingefallen, du Stück Scheisse?“ blafft er mir ins Ohr.

„Lara.“ sag ich leise. „Was?“ hakt er nach. „Lara ist ein guter Grund!“ sag ich und versuche ihn von mir wegzudrücken. Er stemmt sich mit vollem Gewicht gegen mich. Ich greife mit meiner Hand nach seinem Handgelenk, damit er sein Messer nicht benutzen kann. Mit der rechten Faust hämmere ich wiederholt, seitlich gegen seinen Brustkorb. Er zieht seinen Arm von mir weg um seine Rippen vor meinen Schlägen zu schützen. Das ist der Moment in dem ich es schaffe, ihn von mir wegzudrücken und mich zu befreien. Ich verpass ihm einen Box gegen sein Kinn. Aus meiner unvorteilhaften Position, kann ich den Schlag nicht richtig durchziehen, aber es reicht, dass er kurz sein Gleichgewicht verliert und sitzend auf der Strasse landet. Er reibt mit der Hand seinem Kiefer und starrt mich wütend an während ich aufstehe. Ich hole aus und trete gegen seine andere Hand, in der er noch immer das Messer hält. Sein Arm schleudert nach hinten und das Messer fliegt einige Meter weiter gegen eine Hauswand. Goran dreht seinen Kopf in die Richtung, in die sich sein Butterfly verabschiedet hat. Ich wende mich von Goran ab und sprinte los. Irgendwas mit Hurensohn brüllt er mir noch nach.

An der Langstrasse angekommen habe ich Glück und ein Bus fährt gerade an die Haltestelle. Ich steige hinten ein und schaue in alle Richtungen aus den Fenstern um sicher zu gehen, dass er und auch keiner seiner Schwachköpfe mich gesehen und verfolgt hat.

Mein Puls braucht eine Weile, bis er sich wieder beruhigt.

Inzwischen bin im am Limmatplatz aufs Tram umgestiegen und fahre in Richtung Hauptbahnhof. Ich habe nur noch eins im Kopf. Weg hier! Raus aus der Stadt. Ich möchte nur noch zu Lara.

Am Bahnhof angekommen, löse ich mir ein Ticket für den nächsten Zug nach St. Gallen. Am Kiosk hol ich mir eine Dose Bier und schlendere in Richtung Gleis 9. Während ich auf dem Bahnsteig nach hinten gehe, schreibe ich Lara eine SMS, dass ich sie spontan noch besuchen komme, wenn das ok ist. Jasa schreibe ich ebenfalls an um nachzufragen, ob er davongekommen und bei ihm alles ok ist. Ich setze mich auf eine Bank, kram meine Zigaretten aus der Hosentasche, steck mir eine an und öffne mein Bier. Während dem ersten Schluck kommt auch schon Jasas Antwort. Er ist bei Onkel Jan und alles ok bei ihm. Beruhigt geniesse ich das kalte Bier.

Lara schreibt, dass sie sich auf mich freut. Meine Anspannung beginnt sich zu lösen.

Der Zug fährt ein. Beim Einsteigen schau ich nochmal in Richtung Bahnhofshalle. Das wars. Ich muss endlich weg aus dieser scheiss Stadt.