From Kurzgeschichten

Kurzgeschichtlichkeiten

Wärmetheorie

Neulich hab ich Lisa kennengelernt.
Sie redet gerne.
Und viel.
Und mit viel, meine ich sehr viel.
Sehr viel, könnte man mit ununterbrochen gleichsetzen.
Sie gehört zu der Gruppe Menschen, die was mit Einstein gemeinsam haben.
Sie albert gerne.

Das ist grundsätzlich nichts schlimmes.
Aber ihre Humor-Komfortzone ist für mich wie Narnia.
Nicht meine Welt.

Sie mag Komiker wie Mario „kennste, kennste, kennste?“ B.
Ein „kennste“ hier, eine „witzige Geschichte“da.
Ja kenn ich und die Geschichten sind nicht witzig.

Lisas Geschichten sind wie die Menge Wasser und die Menge Dampf, die sich genau decken.
Eine Nullkurve.
War der jetzt zu hoch?
Gesättigte Dämpfe.
Wärmetheorie.
Witzige Geschichte.

Wirklich. Was sie so erzählt, fängt bei Null an und steigert sich dann durch die Zugabe von Nichts auf das Niveau von Null.
Zack!
Witzige Geschichte.

Nur weil man sich immer wieder halb totlacht während man was erzählt, wirds nicht automatisch witzig.

Lachen soll ja gesund sein.
Ich gönn ihr ein langes Leben.
Aber das mit uns beiden, war wie meine Geburt.
Eine einmalige Sache.

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Im Wald mit Bernd

Die dumpfe, lieblose Stimme durchbricht die idyllische Stille im Wald:
„Was macht es denn?“

Erschrocken seh ich mich um.
Nicht erschreckt wegen der falschen Verwendung von Personalpronomen …

Ja, ich bin eine grammatikalische Pfeife, aber mit Personalpronomen kenne ich mich aus.
Ich kenne sie alle!
Ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie.
Da macht mir keiner was vor!

… sondern weil der mich so ohne Vorankündigung von der Seite anquatscht.
Aber da ist weit und breit keiner.
Ob das eine späte Nebenwirkung des Psilocybin ist?
Dass sich das nach 10 Jahren erst bemerkbar macht?
Hätte ich wohl besser die Finger von diesen Pilzen gelassen, denke ich mir.

Mein Gedankengang wird erneut von dieser Stimme unterbrochen.
„Was hat es da in der Hand?“
„Wer ist denn da?“ rufe ich in den Wald.

Nichts.
Stille.

„Bernd.“
Meint die stumpfe Stimme.
„Bernd? Ich kenne keinen Bernd.“
Ich überlege kurz, ob ich wirklich keinen Bernd kenne.
Obwohl, wenn man im Wald angequatscht wird, bedeutet das ja auch nicht zwangsläufig, dass es auch jemand sein muss, den man kennt.
„Komm raus und zeig dich!“ ruf ich in die Richtung aus der die Stimme kam.

Nichts.
Stille.

„Das geht nicht.“
„Warum geht das nicht?“
„Ich kann mich nicht bewegen.“ ich meine einen leicht weinerlichen Unterton darin zu hören.
„Was heisst das, dass du dich nicht bewegen kannst? Hast du dich verletzt? Soll ich Hilfe rufen?“
Ich male mir aus, was hätte passiert sein können.
Ist er gestürzt und hat sich dabei ein Bein ausgerissen?
Wurde er von einem Bären angegriffen?
Hat der ihm ein Bein ausgerissen?
Oder wurde er von einem wilden Bienenschwarm durch den Wald gejagt?
Und können Bienen Beine ausreissen?
Eine einzelne wohl nicht, aber im Kollektiv?
„Nein ich brauch keine Hilfe. Mir geht’s eigentlich ganz gut soweit.“
„Kein ausgerissenes Bein?“
Erst nachdem das raus ist merke ich, dass meine Enttäuschung wohl nicht wirklich angebracht ist.
„Warum kommst du dann nicht vor und zeigst dich?“
„Ich steht doch schon vor dir.“
Jetzt reichts.
Ich gehe gerade aus um den Baum herum, um hinter diesen zu sehen.
Denn der Kerl steckt garantiert da hinten.
Ich hör doch wo die Stimme herkommt.
Dreimal renne ich um den Baum.
Da ist keiner.

„Bernd“, sag ich. „Ich stehe nicht auf dieses Versteckspiel. Ich gehe jetzt. Schönes Leben noch.“
„Warum geht es denn? Ich wollte doch nur ein bisschen reden. Hier kommt man so selten zum Reden.“

Ich überlege kurz.
Zeit hätte ich ja.
Ausser Pokémon suchen tu ich ja gerade nichts.
„Na schön. Lass uns bisschen quatschen. Aber nur unter einer Bedingung. Zeig dich!“

Nichts.
Stille.

„Aber es sieht mich doch. Ich bin das Baum an das es sich anlehnt. ..und kann es das lassen? Das ist mir zu intim.“

„Du bist ein Baum?“
„Ja. Eine Birke.“
„Und du heisst Bernd?“
„Ja.“

„Das muss einfach von den Pilzen kommen.“
„Welche Pilze? Ich habe keine Pilze.“
Ich erspare es mir, meiner Halluzination zu erörtern, dass sie eine Halluzination ist und nutze die Gelegenheit einfach um mich mit einem Baum zu unterhalten.
„Und was machst du hier so?“
„Och.. ich steh hier nur rum, zieh mir CO2 rein und sonne mich n bisschen.“
„Ok. Cool.“
Das spannende Leben eines Baumes.
„Und was macht es hier? Und was hat es da in der Hand?“
„Das heisst eigentlich du.“ belehre ich ihn wie mein ehemaliger Deutschlehrer das gerne mit mir tat.
„Du?“
„Ja, du.“
„Gut. Was macht es hier und was hat es du in der Hand?“
„Nein doch nicht so!“
„So habe ich doch gar nicht gesagt.“
„Ich meinte ja auch nicht so als Wort. ..ach vergiss es einfach.“
Und wieder fühle ich mich wie mein ehemaliger Deutschlehrer.
„Und was hat es jetzt du in der Hand?“ will Bernd weiterhin wissen.
Bernd ist übrigens ein komischer Name für einen Baum.
„Was hat es gegen Bernd?“
„Kannst du jetzt auch schon Gedanken lesen?!“
„Sieht so aus.“
„Weisst du was, das wird mir hier langsam zu dumm. Ich wollte doch nur im Wald ein paar Pokémon fangen. Und jetzt stehe ich hier und unterhalte mich mit einer Eiche.“
„Birke.“
„Na dann unterhalte ich mich eben mit einer Birke. Bernd, die Birke.“
„Was ist Poggemohn?“
„Das sind kleine Monster. Die sind hier überall irgendwo verteilt zum einfangen.“
„Kleine Monster? ..du meinst Ameisen?“
„Nein.“
„Wespen?“
„Nein.“
„Borkenkäfer?“
„Nein. Pokémon sind keine echten Tiere.“
„Hier gibt’s unechte Tiere?“
„Ja, Nein, nicht in Wirklichkeit unechte Tiere.“
„Es sammelt in Unwirklichkeit unechte Tiere?“
„Ja, so kann man das auch nennen.“

Bernd beginnt zu lachen.

„Warum lachst du denn jetzt? Weil ich dieses Spiel spiele? Das ist nur ein Spiel. ..dass ich mich mit einem Baum unterhalte finde ich ehrlich gesagt um einiges lächerlicher.“
„Warum? Mit einem Baum zu reden ist doch normal.“

Sei nicht Tante Susi

„Papa, was ist ein Veganer?“
„Jemand, der aus vorwiegend ethischen Gründen, die Nutzung von Tieren und tierischen Produkten ablehnt.
Wie kommst du darauf?“

„Tante Susi hat gesagt, sie ist Veganerin.“
„Tante Susi ist keine Veganerin.“
„Warum nicht?“
„Sie trägt Lederschuhe.“
„Warum sagt sie dann, sie ist Veganerin?“
„Weil sie dumm ist und ihre Komplexe mit Hilfe einer Profilierungsneurose kaschieren möchte.“
„Dann sind Veganer dumm?“
„Nein.“
„Nur Tante Susi ist dumm?“
„Richtig. Tante Susi ist dumm.“

Komplexe generieren – denke selber, sonst tun es andere für dich

10 Dinge die du beim ersten Date nicht tun solltest.
Mein Unterbewusstsein muss mir suggeriert haben, dass mein täglicher Bedarf an Hirnwäsche noch nicht gedeckt ist.
Es gibt keine andere logische Erklärung dafür, warum ich sonst eine Frauenzeitschrift gelesen habe.

Ich weiss jetzt, welcher Bikini-Typ ich bin, welches Wasser die Promis trinken und dass Ethno-Look grad voll im Trend liegt.

Ich könnte schwören, ich hatte gerade einen kurzen Anflug von Unterleibsschmerzen.

Und ich fühle mich fett.
Aber dagegen kann ich was tun.
Ich habe da einige Tipps bekommen.

Auch die Ratschläge, was man beim ersten Date nicht tun soll, wirken irgendwie einleuchtend.

Ich muss pinkeln.

Beim Händewaschen schau ich so in den Spiegel und merke, dass ich mich doch eigentlich ganz ok finde.
Und warum sollte ich einen Bikini tragen?
Auch fällt mir ein, dass ich gar keine Dates habe.

Ich treffe mich schon mit Frauen.
Aber ich date sie nicht.
Zumindest nicht auf diese handelsübliche, verkrampfte Art.
Überhaupt fühle ich mich in meiner Freizeit eigentlich ziemlich frei darin, mich so zu benehmen wie mir gerade der Sinn steht.
Es soll ja Leute geben, die sich gerne ein Korsett anziehen.
Aber die bin ich nicht.
Ich fühle mich dazu geschaffen, mich zu sein.

Vielleicht definiere ich das aber auch nur über Dinge, die mir als Ideale eingepflanzt wurden.
Auch egal.
Ich bin super.

Vita

Mein Name ist eigentlich nicht Chris, sondern Sven Rupikki Grognarson.
Ich kam auch nicht im Kinderspital Zürich, sondern neben einem Schweinestall in Riksgränsen, Schweden zur Welt.

Neben einem Schweinestall, weil meine Mutter zu der Zeit Euro-Jobberin in einer Köttbullar-Fabrik und mein Vater Wikinger und auf Reisen, nicht das Geld hatten, um sich im Stall einzumieten.

Ich erinnere mich gerne an diese Zeit zurück.
Mir fehlte es eigentlich an nichts.
Ich hatte viele Freunde gefunden in den Schweinchen nebenan und es gab immer genug Fleischbällchen.

Weil der Staat die Subventionen für Brandschatzer strich, liess sich mein Vater als ich 5 Jahre alt war, zum Versicherungsvertreter umschulen.
Und wir wollten in die Schweiz umziehen.
Weil wir bei der Durchfahrt die Schweiz nicht bemerkten, lebten wir erst noch 3 Jahre in Italien.
Dort machte ich eine Ausbildung zum Pizzabäcker.
Bis heute ging meine Liebe zu diesem Teigfladengebäck nicht verloren.

Im Alter von 8 Jahren fand mein Vater, als er in Mailand auf der Strasse Haftpflichtversicherungen verkaufen wollte, ein Strassenschild, dass den Weg in Richtung Schweiz anzeigte.
Er kam nachhause und wir verliessen noch in derselben Nacht das Land in Richtung Schweiz.
Hätten wir in Zürich nicht tanken müssen, wären wir wohl wieder durch dieses Land, ohne es zu merken.

In der Schweiz angekommen, verkaufte mein Vater weiterhin Versicherungen auf der Strasse und meine Mutter suchte vergeblich eine Köttbullar-Fabrikb.

An meinem 12. Geburtstag wurde ich vom Staat zwangs-eingeschult.
Das war zwar Ende November und daher etwas spät, doch das störte mich nicht.
Monatlich schloss ich eine Primarstufe ab und im Mai des Folgejahres, übersprang ich die Sekundarstufen und stand kurz vor meinem Schulabschluss.
Da das alles ziemlich schnell ging und ich im Eifer des Gefechts vergessen hatte, mir einen Ausbildungsplatz zu suchen, entschied ich mich dazu, aufs Gymnasium zu gehen.

Da fand ich es nicht so toll, weil meine Mitschüler alle älter als ich waren.
Diese Zeit kam mir ewig vor.
Vielleicht lag dieses Empfinden aber auch eher am latenten Akohol- und Cannabiskonsum.

Weil die Gymnasiumszeit eines Tages zu Ende war, ich aber mit prokrastinieren noch nicht fertig, hatte ich wieder eine Schulstufe abgeschlossen, ohne mich darum kümmern zu können, mir einen Ausbildungsplatz zu sichern.
Da ich wieder einmal relativ verloren da stand, schrieb ich mich an der Uni ein.

Mein Vater und meine Mutter waren schon etwas enttäuscht von mir.
Nicht weil ich neben der Schule mein Taschengeld mit Escort-Jobs aufbesserte.
Obwohl, das ist gelogen.
Ich bekam gar kein Taschengeld.
Denn meine Eltern waren sehr, sehr arm.
Enttäuscht waren meine Eltern, weil ich nichts Richtiges lernte sondern nur ein Studium anfing.

Nachdem ich mein Wirtschaftsstudium mit 17 Jahren abgeschlossen hatte, habe ich mit Entsetzen festgestellt, dass mich Wirtschaft eigentlich gar nicht interessiert.
Deshalb habe ich in einer Frittenbude angeheuert.
Leider verstarb der Besitzer ein halbes Jahr später, weil er an eine Fritte erstickte.
Ich übernahm seine Imbissbude und verkaufte von da an die Köttbullar meiner Mutter.

Nach ein paar Monaten sah ich mich gezwungen Konkurs anzumelden.
Die Konkurrenz war einfach zu gross.
Eine Schwedische Möbelfirma, deren Name ich nicht erwähnen möchte – reimt sich auf IKEA – verdrängte mich vollends aus dem Fleischbällchenbusiness.
Ich war komplett am Ende.
Finanziell und emotional ruiniert.

Ich wanderte ein halbes Jahr durch Indien, um wieder zu mir selber zu finden.
Mit grossem Erfolg.
Ich fand dort vieles.
Unter anderem mich, Hepatitis B und meine Laktoseintoleranz.

In meinem 18. Lebensjahr, nach meiner Rückkehr, schrieb ich mich noch einmal an der Uni ein, um ein Medizinstudium anzufangen.
Dort lernte ich meine heutige Frau kennen und lieben.
Ein Jahr später erblickte unsere Tochter das Licht der Welt.
Das war ein bisschen stressig.
Nicht unbedingt die Geburt an sich, sondern die Einschulung.
Erklären sie der Schulleitung einmal, wie sie es geschafft haben eine 7 jährige zu gebären.

Heute wohne ich mit Frau und Tochter in einem Aussenquartier in London. Mein Medizinstudium habe ich längst abgeschlossen und arbeite als Taxifahrer.
Dass meine Frau unter der Zwangsprostitution leidet, kann ich so nicht bestätigen.
Im Allgemeinen habe ich in meinem Leben nur selten gegen irgendwelche Gesetzte verstossen und sass auch nie länger als 3 Tage im Gefängnis.

Clutch

Und plötzlich brennt die Töle.

Während ich mich frage, wie es bei einem Chihuahua zur spontanen Selbstentzündung kommen kann, sehe ich im rechten Augenwinkel, wie meine 13 jährige ihr Handy aus ihrer Handtasche zieht.

Diese Monstrosität als Handtasche zu bezeichnen, gelinde ausgedrückt, zeugt auch eher von pathologischem Realitätsverlust.
Zu meiner Zeit, nannten wir sowas Sport- oder Reisetasche.
„Papa, du hast doch keine Ahnung.“ meinte sie, als ich sie ihr letzte Woche gekauft habe. „Das ist ein Hobo Bag.“
Ich habe an diesem denkwürdigen Tag sehr vieles von ihr und ihrer Kicherfreundin gelernt.
Im ernst, ich weiss ihren Namen nicht.
Aber egal was irgendwer in ihrer Umgebung sagt, sie kichert.
Sie haben mich darüber ins Bild gesetzt, dass es Buckle Bags, Baguette Taschen, Pochettes, Shopper, Tote Bags, Wrist Bags und Clutches gibt.
Man kann viel von Kindern lernen.
Auch viel unnützen Scheiss.

Der Hund, wenn man diese Hosentaschenguerillas so nennen möchte, brennt noch immer vor sich hin.
„Papa geh mal zur Seite! Ich muss ein Selfie machen!“
Ich drehe mich zu ihr: „warum?“
In der selben, schnippischen Tonlage in der sie reagiert, wenn man ihr sagt, sie soll ihr Zimmer aufräumen, meint sie: „Wenn du kein Foto hast, ist es nicht passiert!“

Wenn du kein Foto hast, ist es nicht passiert?
Eine plausible Erklärung.
Wenn es sich um einen Rechtsstreit handelt.
Sind wir wirklich in der Ära der Fotobeweise angelangt?

Mit Entsetzen schiesst mir gerade durch den Kopf, dass es den leckeren Fisch, den es gestern zum Abendessen gab, gar nicht gab!
Und auch mein Frühstück heute ist inexisten.
Aber warum habe ich keinen Hunger?
Ich muss jetzt etwas essbares kaufen.

„Magst du auch ein Brötchen?“ unterbreche ich die fotografische Arbeit meiner Kleinen.
Sie überlegt kurz.
„Ja. Ein kleines Vollkornbrötchen.“
Ich geh in die Bäckerei, vor der der Chihuahua Lagerfeuer spielt.

„Guten Tag, was hätten sie denn gerne?“
„Ein anderes Zeitalter.“
Leicht überfordert sieht mich die Backwarenverkäuferin an.
„Ich meinte, ob sie etwas kaufen möchten?“
„Ja.“
„Was darfs denn sein?“
„Ein kleines Vollkornbrötchen und ihr schönstes Laugenbrötchen.“
„Mein schönstes Laugenbrötchen?“
Die Verkäuferin sieht mich fragend an.
„Ich muss es fotografieren.“

Yeti Parabellum

Er sitzt in der hintersten Ecke der Raucher Lounge und blickt hektisch umher.

„Du bist zu spät!“
, meint der Yeti leicht angepisst.
Ich erwidere: „Musste noch mein Einhorn parken.“

„Ja klar.. Einhorn..“

„Was?“

„Faule Ausrede. Einhörner gibt es nicht.“

„Yetis doch auch nicht.“

„Beweis mal, dass es keine gibt.“

„Beweis du mal, dass es keine Einhörner gibt.“

„Ich bin hier nicht in der Bring-Schuld.“

„Lassen wir das. Ich diskutiere nicht mit Yetis.“
Er wirkt verärgert.

„Was soll denn das nun wieder bedeuten?“

„Soll heissen, dass man mit dir nicht diskutieren kann. Du bist immer so gehässig.“

„Mit Grund! Egal worum es geht, es läuft immer darauf hinaus, dass ich der Verlierer bin.“

„Bullshit! Du bist einfach ein verkorkster Schwarzmaler, der jeglichen Bezug zur Realität verloren hat.“

„Ich bin wohl näher an der Realität als du Einhornreiter!“

„Kein Grund hier so rumzubrüllen.“

„Grins nicht so behindert!“

„Ich grinse wann ich will.“

„Du willst mich doch nur weiter provozieren!“

„Will ich das? Oder projizierst du in die Situation lediglich das was du wahrnehmen möchtest? ..wie einfach es doch ist, dich zu triggern.“

„Halt die Fresse!“

„Ruhig Brauner! ..wo liegt eigentlich das Problem genau?“

Er starrt auf den Boden, atmet angestrengt tief ein und aus.
Nach seiner kurzen, meditativen Atemübung blickt er wieder hoch.


„Können wir nicht normal miteinander reden? Ich habe immer das Gefühl, du willst mich aus Prinzip nicht verstehen. Ich habe auch meine Gedanken und Gefühle. Nimm die doch auch einmal ernst.“

„Warum verpackst du die denn immer in Statements und verschweigst die Essenz aus der sie rühren?“

„Es hört dir doch niemand zu, wenn du nicht plakatierst.“

„..ich hör dir zu.“

„Das ist ein Puff“

„So.“ sage ich zu meinem 8 jährigen Sohn.
„So.“
Er schaut schief von unten hoch.
„So. Das ist ein Puff.“ beginne ich ihm die Gegebenheiten zu erklären.

Einige fragen sich jetzt vielleicht, was zu Hölle ich mit einem 8 jährigen im Puff mache?
Eine Frage die sich der Typ, der gerade auf uns zueilt, bestimmt auch stellt.
Das hat nichts mit Vernachlässigung der elterlichen Fürsorgepflicht zu tun.
Im Gegenteil.
Ich will ihm doch nur die Welt erklären.
„Kinder haben hier nichts verloren! Raus mit euch!“
Sein gestreckter, rechter Arm deutet in Richtung Türe.
Was für ein unfreundlicher Kotzbrocken.

Vor der Tür fragt mich der Kleine, „Papa, wenn die Frauen da drin die Wirtschaft und die Männer die Landesregierungen sein sollen, was ist dann der wütende Onkel?“
„Das, mein Junge“ erkläre ich, während ich mich zu ihm runter knie und meine Hand auf seine Schulter lege. „das ist die europäische Flüchtlingspolitik.“
„Und warum hat er uns rausgeschickt?“
Ich schaue ihm tief in die Augen.
„Du bist doch schon ein grosser Junge. Ein kleiner Mann.“
Der kleine nickt.
„Die wollen halt nicht, dass der kleine Mann alles mitbekommt, was sich hinter dieser Türe abspielt.“

Er steckt die Hände in die Hosentasche und tritt gegen einen auf der Strasse liegenden Kieselstein.
Während er ihm nachsieht meint er trotzig „Das ist gemein.“
„Gemein ist der ehrbare Prinz, der zur Errettung der Jungfrau in Nöten auf seinem weissen Gaul angeritten kommt.“

Der kleine blickt mich fragend an.
„Wärst du ein Mädchen, würdest du das verstehen.“
„Warum ist der Prinz gemein?“
„Weil es ihn und seinen Schimmel nicht gibt. Der Prinz ist eher ein Lagerist im Fiat Punto. Und das einzige was einem Schimmel nahe kommt, ist höchsten der den Polyester-Socken zu verdankende Fusspilz.“

Der Kleine sieht leicht verwirrt zu mir.
Ich nehme ihn in den Arm und drücke ihn.
„Es ist nicht immer einfach.“
„Mammuts sind auch ausgestorben.“ Nuschelt er in meine Schulter.
„Vieles kommt. Vieles geht. Nichts ist von Ewigkeit.“

Woran kann man sich noch orientieren?
Verloren in einer Welt voller Reizüberflutung durch die Unbeständigkeit.

Think positive

Es ist früh am Morgen, du willst kurz an der Tanke Zigaretten holen, obwohl du eigentlich zu spät dran bist.
Ein Gedränge an der Kasse, weil die anderen ihr Zeitmanagement offensichtlich genauso wenig im Griff haben wie du.
Und *flup* hast du die Frau vor dir in der Schlage angezündet.
..kennt man ja.

Immer wenn man es eilig hat passieren solche Dinge.
Ich habe getan, was jeder normale Mensch getan hätte.
Habe mich unwissend gestellt und auffällig meinen Blick schweifen lassen um den vermeintlichen Täter zu suchen.
Dieses Theater immer.
Eine Unruhe war das.
Ich hasse Theater.
Und Unruhe.
Die Leute riefen durcheinander.
Die Fackel-Frau vor mir wälzte sich zuckend am Boden umher.
„Think positive“ sagt Maria immer.
Denke positive – mach das Beste daraus.
Da ich nun definitiv zu spät erscheinen werde, machte ich mich auf die Suche nach Marshmallows.

Ich fand aber keine.
Mach das Beste daraus.
Auf Wurst hatte ich aber keine Lust.
Ich griff nach einem Maiskolben.
Dachte mir, Popcorn für alle.
Schliesslich sitzen wir im selben Boot.
Man kann durchaus auch mal etwas selbstloses für die Gemeinschaft tun.

Ich streckte den Kolben über die Frau.
Ein Mann packte meinen Arm und riss mich von der brennenden Frau weg.
Sie lag noch immer am Boden und quiekte.
Undankbares Pack, dachte ich mir.
Ihr solltet mal auf Maria hören.

Die Tankstellenfachkraft kam aus einer Türe gerannt.
Sie hatte ein Zelt unter dem Arm.
Die hats kapiert, dachte ich.
Mach das Beste daraus – Camping am Lagerfeuer.

Sie warf die Zeltplache über die quietschende Frau am Boden.
Das war gar kein Zelt.
War eine Löschdecke.
Hatte ich die Tankstellenfachkraft wohl zu früh gelobt.
Das mit dem positiven Denken muss sie noch üben.

Kurz danach fuhr ein Rettungswagen zwischen die Zapfsäulen.
Diese Sirene machte einen Lärm. Unvorstellbar.
Ich hasse Lärm.

Die Sanitäter rannten rein, drängten den Pöbel zur Seite und knieten sich zu der Frau am Boden.
„Ich habe die Löschdecke geholt“, meinte die Tankstellenfachkraft.
Wie ein Hund, der einen Ball apportiert hatte, schien sie auf ein Leckerli zu warten.

Noch eine Sirene.
Der Notarzt kam in einem separaten PKW angerast.
Dieses asynchrone Blinken der Lichter von draussen, penetrierte meine Augen.
Ich hasse Blinklichter.

Mir wurde es zu bunt.
Ich warf den Maiskolben auf dem Boden und ging zum Ausgang.
Ich habe wenigstens probiert, das Beste daraus zu machen.
Think positive – klappt halt nicht immer.

Beim Rausgehen sah ich die Marshmallows im Regal.
Hätte ich die mal früher entdeckt.

Die 2 Seiten

Ich hatte die Idee, eine Kurzgeschichte zu schreiben. Dieselbe Story, aus zwei verschiedenen Perspektiven.
Hätte ich machen können, hab ich aber nicht. Haben wir.
„Wir“ sind Dana, die selber gerne Kurzgeschichten schreibt und meine Wenigkeit.
Ich hab ihr von meiner Idee erzählt und sie war sofort der Meinung, das machen wir zusammen.
Sie hat die Geschichte aus ihrer Sicht (die Story ist frei erfunden!) geschrieben und mir geschickt. Wer aus wessen Perspektive geschrieben hat dürft ihr euch selber ausmalen.

Sollte euch so Kram gefallen, teilt mir das mit und evtl. werden wir noch mehr zusammen machen.

Viel Spass beim Lesen

Sie

Hätte ich gewusst wie das endet, hätte ich mich niemals darauf eingelassen.
Wie kann etwas vom einen auf den nächsten Augenblick, von unbeschreiblich, überirdisch, zu widerwärtigem Selbsthass verkommen?

Wir haben getrunken. Wir haben getanzt. Wir haben gefeiert.
Alle Probleme waren für ein paar Stunden weg. Der ganze Ballast des Alltags, in Luft aufgelöst.
Er nahm mich plötzlich an der Hand und führte mich weg von der Tanzfläche.
Wir holten unsere Jacken an der Garderobe und er nahm wieder meine Hand.
Er leitete mich in die Tiefgarage. In regelmässigen Abständen sah er mich an und lächelte. Da war es. Dieses unbeschreibliche, verführerische Lächeln.
Ich wusste gerade einmal seinen Namen. Aber es war mir egal. Ich fühlte mich so unglaublich Glücklich in diesem Moment, in seiner Gegenwart.
Vor einem parkierten Wagen blieben wir stehen. Er legte seine Hände sanft an meine Hüften und blickte mir tief in die Augen. Seine wunderschönen Augen.
Er hielt einen Moment inne. Dann begann er mich zu küssen. Ich erwiderte.
Seine rechte Hand gleitete langsam unter mein Top. Mit leichtem Druck, massierte er mit seiner warmen Hand meinen Rücken.
Seine andere Hand für meinen Arm hoch und er hielt meinen Nacken. Sanft krauste er dort meinen Haaransatz.
Ich zerlief förmlich in seinen Händen.
Plötzlich hob er mich an und setzte mich sanft auf die Kühlerhaube des Wagens.
Er lächelte mich an und kramte ein Briefchen mit weissem Zeugs aus seiner Tasche.
„Was dagegen?“
Ich schüttelte den Kopf.
Er beugte sich zu mir, küsste mich wieder und ich kam auf der Kühlerhaube zu liegen.
Langsam schob er mein Top hoch und begann meinen Bauch zu küssen.
Er streute etwas von dem Zeugs auf meinen Bauch, schob es mit einem Kärtchen hin und her und zog es sich letztendlich durch die Nase.
Einen Moment fühlte ich mich nicht mehr sonderlich wohl, aber genau in diesem, fuhr seine Hand unter meinen Rock.
Ich weiss nicht warum, aber ich liess es zu.
Er hat mich gefragt, ob ich auch möchte?
Zu diesem Zeitpunkt war ich irgendwo auf einem anderen Planeten.
Ich nahm das Angebot an.

Es brannte kurz in meiner Nase.
Meinen Puls konnte ich in meinem ganzen Körper spüren.
Mein Verlangen nach ihm stieg nur noch weiter.
Jetzt und hier, er hätte mit mir machen können was er wollte.
Ich war so aufgeputscht und konnte nicht mehr still sein vor lauter Geilheit.

Wir stiegen in das Auto, er fragte wo ich wohne und fuhr los.
Während der ganzen fahrt, konnte ich die Finger nicht von ihm lassen.
Beinahe wäre er in eine Leitplanke gefahren wegen meiner „Ablenkung“.

Zuhause angekommen, rissen wir uns die Kleider vom Leib.
Das weisse Zeugs kam zu seinem zweiten Einsatz.

Was dann kam, war der besten Sex meines bisherigen Lebens!

Und jetzt sitze ich hier auf meinem Bett, bin völlig ausgelaugt, mir ist heiss und ich zittere.
Ich fühle mich so abgefuckt, komme mir so schäbig vor.
Ich nahm Drogen und hatte Sex mit einem wildfremden Typen, der gerade unter meiner Dusche steht. Wie konnte ich nur?
Und ich merke wie meine Augen immer feuchter werden.

Er

Ertappe mich gerade selber dabei, wie ich sie pausenlos ansehe.
Kann meinen Blick einfach nicht von ihr abwenden.
Sie ist so süss, wie sie da tanzt, in ihrem kurzen Röckchen.
Ich musste sie einfach ansprechen.

Eins führte zum Anderen.
Ich hab uns Drinks an der Bar geholt.

Wir haben getanzt. Wir haben gelacht. Wir haben gefeiert.
Die Welt war perfekt für ein paar Stunden.
Sie fing mir immer mehr an zu gefallen. Und ich hatte das Gefühl, ihr ging es genauso.
Ihr wunderschönes Gesicht, ihr strahlendes Lächeln und ihr sexy Körper.
Ich wollte weg von hier.
Mit ihr alleine sein.

Ich nahm ihre Hand und wir gingen zur Garderobe, ich half ihr die Jacke anzuziehen und nahm ihre Hand erneut.
Ich ging mit ihr in die Tiefgarage.
Wir waren in diesem Moment ganz alleine auf der Parkebene.
Ich blieb vor meinem Wagen stehen und zog sie etwas näher an mich ran und atmete tief durch.
Ich musste zuerst meinen Mut zusammenpacken, bevor ich sie küssen konnte.
Ich hielt ihren Nacken und spielte mit ihrem Haar. Ich fuhr mit der anderen über ihren Rücken, sie fühlte sich so gut an.
Irgendwann hob ich sie hoch und setzte sie auf die Kühlerhaube.
Da sass sie nun. So ein hübsches Ding.
Unter ihrem Rock konnte ich ihr Höschen sehen.
In meiner Hose wurde es langsam aber sicher, unbequem eng.

Mir fiel ein, dass ich noch etwas Koks bei hatte. Und ich hatte nicht übel Lust, die ganze Geschichte auf eine andere Ebene zu heben.
Ich fragte sie, ob sie was dagegen hätte?
Sie verneinte.
Ich legte sie küssend auf die Haube, zog ihr Shirt hoch und legte mir eine Line, direkt über ihrem Bauchnabel.
Ich sniffte das Zeug weg.
Meine Hand liess ich unter ihren Rock wandern.
Es schien ihr zu gefallen. Ich genoss ihr leises Stöhnen und wie sie ihre Augen verdrehte.
Schliesslich bot ich ihr auch noch etwas von dem Stoff an.
Sie zog sich was davon rein und verzog kurz ihr Gesicht. Doch dann sah sie mich an, als wollte sie mich auffressen.

Wir stiegen in den Wagen und fuhren zu ihr.
Auf dem Weg wären wir beinahe in eine Leitplanke geknallt.
Diese Frau machte Sachen mit ihrem Mund, die sind unbeschreiblich.

In der Wohnung angekommen, rissen wir uns gegenseitig die Kleider vom Leib.
Ich kann nicht sagen wer genau die Führung hatte. Auf jeden Fall, war das der mitunter härteste Sex, den ich je hatte.

Sie war so nett und erlaubte mir, eine Dusche zu nehmen.
Ich dachte, alles wäre ok.
Ich dachte, es hätte ihr genauso viel Spass bereitet wie mir.
Doch als ich in ihr Zimmer zurückkam, sass sie weinend auf der Bettkante.
Ich wollte sie in den Arm nehmen und nachfragen was los ist?
Aber sie hat mir eine gescheuert und mich schreiend zum Teufel gejagt.

Funestus – Kurzgeschichte

Gewisse Beträge von Legolady und Hugobansi haben mich zum Entschluss gebracht, dass ich doch auch mal ein paar Kurzgeschichten auf diesem Blog veröffentlichen werde. Nicht dass ich den beiden jetzt einfach etwas nachmachen möchte, weil ich selber keine Ideen habe, aber vielleicht ja schon. Diese Entscheidung dürft ihr für euch selber treffen und behalten.

 

Wenn das Telefon zu dieser Uhrzeit, die drückende Stille zerberstet, bedeutet das für gewöhnlich nichts gutes.
Von Alkohol leicht sediert lag er auf seinem Bett, starrte die Decke an und fragte sich, wer und vor allen Dingen warum, man seine Nachtruhe stört?

Mit einer Trägheit, als wäre seine Muskulatur aus Blei gegossen, streckte er sich nach dem Hörer des Apparates.
Vergeblich. Das Klingeln setzte aus.
Da war sie wieder. Die Stille.
Seine Stille.

Nacht für Nacht liess er sich in die offenen Arme der Dunkelheit fallen.
Stets mit der Wärme des Vodkas in seiner Brust.
Und so lag er in seinem Morast aus Trauer und windete sich in diesem Sumpf aus Gefühlen.

Acht Wochen ist es her.
Acht Wochen voller Leiden.
Er dachte, es hätte eine Ende, wenn sie endlich die Qualen ihres irdischen Seins, ablegen könne.
Dass die Schmerzen auf ihn überspringen werden, damit hatte er nicht gerechnet.

Weggenommen hat man sie ihm.
Es war absehbar.
Dennoch wollte er es nicht wahrhaben.

Sein Herz zeigt ihm in langsamen, aber bestimmten Schlägen, dass er noch hier ist. Dass es noch weitergehen muss.
Nacht für Nacht holen ihn alle diese Fragen ein.
Nacht für Nacht besuchen ihn diese Vorwürfe.
Nacht für Nacht sucht ihn dieser Hass heim.

Der Hass ist es, der ihn wach hält.
Die fehlenden Antworten rauben ihm den Verstand.

Am Anfang war ihre Hoffnung noch stark. Sie glaubten daran, den Kampf zu gewinnen.
Von Woche zu Woche schmälerte sich ihre Zuversicht.
Die Therapie zeigte nicht die gewünschte Wirkung.
Sie ist in der Schlacht gefallen.
Nur sein Kampf geht weiter.